Dienstag, November 14, 2017

Lebenswirklichkeit als Teil der Offenbarung?

Ein paar Gedanken dazu, die mir vorhin spontan kamen.
Wenn mein Glaube überhaupt einen Sinn haben soll, dann braucht es dazu zweierlei: den, an den ich glaube, und dessen Überlegenheit über mich.
Ich kann keinem Stein einen Glauben entgegenbringen, der über ein Für-wahr-halten hinausgeht. Ich glaube, dass es ihn gibt. Sowie der Stein jedoch etwas Spirituelles bekommt, weist er über sich hinaus auf etwas, das mir überlegen ist. Es gibt zwar viele Glaubensgespräche, die sich in der Frage erschöpfen, ob es Gott nun gibt oder nicht, doch das wird der Sache nicht gerecht. Gott ist nur interessant, wen er mir was zu sagen hat, was ich noch nicht weiß. Damit ist der Begriff der Offenbarung schon einmal festgemacht: Von außen kommt etwas zu mir, was von mir nicht kommen konnte. Erst in der Offenbarung sehe ich, was mir vorher verborgen war. Ich sehe mehr, erkenne mehr und komme so der Wirklichkeit näher. Der, an den ich glaube, kennt Welt und Wirklichkeit besser als ich, und er offenbart mir das. Die Offenbarung erklärt mir Welt und Wirklichkeit meines Lebens, meine Lebenswirklichkeit. Tut sie das nicht, taugt sie nichts.
Deshalb ist das Gute am Glauben, dass er nie wirklich zu mir passt. Er kann nicht passen, denn er ist immer größer als ich selbst es bin. Ist er deshalb eine ständig unzufriedene Anforderung an mich, der ich immer unvollkommen bin? Nein, er ist eine ständige Verheißung auf mehr.

Die „Lebenswirklichkeit“, wie sie in die theologische Diskussion eingeführt wurde, ist das Gegenteil davon: sie ist der unerweiterte Bereich. Der Bereich, den es zu dehnen gilt, wenn der Glaube und Gott etwas taugen sollen. Wie aber soll der Bereich, den ich ohnehin erlebe, plötzlich dazu dienen, sich selbst zu erweitern? Das geht nicht. Die Lebenswirklichkeit ist eine Wirklichkeit, die nicht erweitert werden kann, und gerade darauf ist sie stolz: genau so, sagt sie, sieht die Wahrheit aus. Sie will nicht gemessen werden, sondern im Gegenteil selbst zum Maßstab werden, und zwar zum Maßstab über das, was meinen Horizont eigentlich erweitern soll. Wenn aber das kleine Gefäß das Maß für die große Gabe ist, ohne bereit zum Wachstum zu sein, wird die Große Gabe zum sinnlosen Unsinn. Das aber ist das genaue Gegenteil von Offenbarung.

Um hier nicht zwei unterschiedliche Bilder eines Begriffs zu haben, die Lebenswirklichkeit als erweiterbaren Raum für Offenbarung und die Lebenswirklichkeit als Summe der unerweiterten Gegebenheiten möchte ich die letztere umbenennen: sie ist nicht die Lebenswirklichkeit, sondern die Erlebenswirklichkeit. Das trifft besser, was gemeint ist: die Summe dessen, was ich erlebe, was meine Umstände sind, was erst einmal für mich da ist. Sie ist die Welt, wie ich sie erlebe. Als Maßstab für eine Offenbarung taugt sie nichts. Als Maß, an dem jeder Versuch, Offenbartes weiter zu geben, sich messen lassen muss, ist ihre Kenntnis hingegen unverzichtbar. Denn angesprochen werden kann ich nur in der Wirklichkeit, die ich erlebe.

Dienstag, September 05, 2017

Wahlkampf

An einem Sonntagabend, den sich Millionen im Voraus frei halten, erfährt man live, was unsere Kanzlerkandidaten zu sagen haben. Aha. Es war schon immer aussagekräftig, was Politiker reden. Besonders vor Wahlen. Erfahrungsgemäß hat das mit der Wirklichkeit so wenig zu tun, dass mir dazu kein Vergleich einfällt.

„Herr Doktor, mir bleibt immer öfter die Puste weg!“
„Tja, Sie sind jetzt bald 70. Das ist normal.“
„Aber mein Freund ist schon 74 und erzählt, er joggt noch täglich 10km.“
„Dann erzählen Sie das doch einfach auch!“
So läuft Wahlkampf.
Die einzigen Stellen im Kanzlerduell, die etwas mit der Realität zu tun hatten waren:
Merkel: „Nach der Wahl ist es anders als im Wahlkampf, wo jeder den anderen mit noch etwas mehr Härte übertrumpfen will.“
Schulz: „Vor der letzten Wahl wussten wir genau, dass die Maut nicht kommt.“
Klar: beide sehen den Fehler nur beim anderen. Und auf eigentümliche Weise faszinierend: die scheinen wirklich nicht zu begreifen, dass ihre Wirklichkeitsfremdheit die Menschen nur noch nervt. So bleibt mir als einziges Resümee des Abends: es ist eine unglaubliche Werbeleistung der Sendeanstalten, dass sie es schaffen, Millionen vor den Bildschirm zu holen, um Politiker reden zu hören. Genauso erstaunlich, dass die Kandidaten mitmachen, denn wer, bitte, wählt freiwillig jemanden, der ihm einen Sonntagabend sinnlos wegquatscht?

Was also könnte denn Grundlage für eine Wahlentscheidung sein? Im Wahlkampf interessiert mich nur, wer am realistischsten auftritt. Ich wähle NICHT den, der mir am überzeugendsten erklärt, dass es das Beste für ALLE ist, wenn ICH am meisten Geld bekomme.

Was also tue ich?
Solange es um Ökologie geht, mag ich die Grünen. Da ich die Umweltproblematik nicht für ein Phantasiegebilde von Verschwörungstheoretikern halte, sondern für ein existenzielles Problem der gesamten Menschheit, gehört sie angemahnt, ständig und nachdrücklich. Die Grünen deshalb bitte in die Opposition. Dort können sie poltern und sind sehr erfolgreich: wie kein anderer geben sie Themen vor. Sehr oft sehr gut. Wenn sie allerdings ihr Menschenbild auspacken, fasse ich sie nicht mit der Zange an.
Fazit: nötig.

Wenn es um klare Worte geht, mag ich die FDP. Auch Blödsinn kann klar formuliert werden und hebt sich dann wohltuend vom Rest der Reden ab. Ab und zu ist auch Sinnvolles dabei. Das Menschenbild kann mir auch hier gestohlen bleiben. Allerdings sind sie die einzigen, die erkennen, dass überflüssige Bürokratie Freiheitsberaubung ist, und begreifen, dass auch sie selbst nicht überall gebraucht werden. Eine wohltuende Abgrenzung zu den Grünen, die meinen, man könne ohne sie und ihre Erkenntnisse kein Frühstücksei kochen.
Fazit: nötig, aber mit Bauchweh.

Wenn es um Konservativismus geht, liebe ich die Linken. Niemand pflegt das Alte wie sie! Fast schon reaktionär halten sie an alten Ideen, Strukturen und Feindbildern fest. Die pressen noch jedes Problem in die alten Formeln. Die Resultate sind so abstrus, dass man selbst nie darauf käme und schon fast ein Aha-Erlebnis hat. Sie haben oft gute Redner. Wenn man sich um Inhalt keine Sorgen machen muss, lässt sich der Rest leicht geschliffen formulieren.
Fazit: hoffentlich bald Geschichte.

Wenn es darum geht, Stimmungen aufzudecken, ist die AfD hilfreich. Sie hat zwei Seiten: Problembewusstsein und Umsetzung. Das Problembewusstsein ist in einigem (bei weitem nicht in allem!) dringend nötig. Sie mischt den Laden gewaltig auf, denn was sonst niemand ausspricht, fasst sie in Worte. Leider in oft sehr üble Worte. Sie kämpft gegen die allgegenwärtige politische Korrektheit (sehr nötig!), doch sie bietet als Alternative zur Pest die Cholera: muffiges Spießertum mit Hang zur intern bejubelten Menschenverachtung. Die anderen Parteien leben recht gut mit ihr, denn sie können sich gegenseitig die Schuld daran zuzuschieben. Was wiederum die AfD am Leben hält. Wahlkampf lebt nun einmal von Übeln, an denen die anderen schuld sind.
Fazit: eine Peinlichkeit für unser System, doch logische Folge des Handelns aller anderen Parteien.

Wenn es um Träume geht, mag ich die SPD. Solange es im Abstrakten bleibt, ist die vorgegebene Richtung oft sehr gut. Sie hat immer wieder Köpfe, die in der Lage sind, Teile der Träume umzusetzen (Ostentspannung) und Notwendigkeiten zu erkennen und anzugehen (Mindestlohn). Ihre politischen Analysen decken mühelos das gesamte Feld zwischen genial und abstrus ab. So zwingt sie den Wähler zum Mitdenken (wäre das Taktik, wäre es richtig gut!). Ihre Überzeugung, nicht erreichbare Zustände einfach vorschreiben zu können, macht sie gefühlt zum Herrn über die Logik und faktisch nur begrenzt regierungsfähig.
Fazit: ohne Sie läuft nichts.

Die CSU ist wie Cidre. Sie hat den Konservativismus als Chance erkannt: lässt man denselben Saft lange genug stehen, gärt er und wird plötzlich spritzig. So wirkt die Partei, die am altbackensten ist, häufig am lustigsten. Das tut sie gekonnt und hat damit etlichen Erfolg. Sie hat einen deutlichen Hang zu Stammtischen: das ist nun einmal der Ort, an dem Dinge wie Apfelwein konsumiert werden, da gehört sie hin. Dass sie häufiger einen Kater hat, zurückrudert und sich für das gestern Abend gesagte schämt, bleibt nicht aus.
Fazit: eine Bereicherung.

Der CDU hat man nachgesagt, sie sei die erste Wahl, wenn einem alles gleich sei. Ein Computerprogramm sei zu diesem Schluss gekommen. Und alle fanden das treffend - Fake-News mit hohem Wirklichkeitsgehalt. Die CDU polarisiert, allerdings nur innerhalb des eigenen Klientels. Während die einen meinen, sie sei endlich modern, stecken die anderen sie nostalgisch ins frühere Outfit. Sie ist die einzige Partei, die es geschafft hat, viele der eigenen Wähler zu überzeugen, sie sei an der AfD schuld, und trotzdem gewählt zu werden. Das Menschenbild kann ich nicht einmal mit der Zange anfassen, weil ich keines finde. Ihre Stärke ist ihre Trägheit: in unruhigen Wassern sucht man sich das dickste Schiff. Der Postillon schrieb: Merkel so beliebt wegen ihrer hohen Beliebtheitswerte. Da ist was dran. Ihr Regierungsfazit ist schwer zu beurteilen, denn wie will man Erreichtes mit dem vergleichen, was hätte sein können? Sie hätte, sie müsste, sie sollte - da ist jeder Schluss legitim und falsch zugleich. Sinnlose Diskussionen. Vieles würde ich mir anders wünschen, doch die anderen Parteien hätten es meistens noch schlimmer gemacht, wie sie zumindest stolz verkünden. Wir könnten wahrscheinlich besser fahren, aber definitiv auch schlechter.
Fazit: die Frage ob nötig oder nicht stellt sich nicht. Derzeit einfach nicht wegzudenken.

Und jetzt habe ich die Wahl.

Freitag, September 01, 2017

Erinnerungen an ein Seminar

Es gibt letztlich nur einen einzigen Grund, an Christus zu glauben: man ist überzeugt, dass es wahr ist.
Die Zustimmung dazu bleibt meist aus, was beunruhigend ist. Nein!, heißt es erleuchtet. Glaube ist viel mehr, als ein Für-wahr-Halten. Glaube ist Beziehung! Glaube ist Befreiung! Glaube ist innere Heilung! Daran ist nichts falsch, außer dem Nein vorne dran; das allerdings ist sehr falsch. Daran ist nichts bedenklich, außer der Tatsache, dass es als Widerspruch angesehen wird – das allerdings ist höchst bedenklich!

Vor einigen Monaten wurde im Rahmen eines christlich-philosophischen Seminars die Frage aufgeworfen, warum man denn glaube. In den Antworten, die daraufhin gegeben wurden, schwang etwas mit, das schwer zu greifen war: eine subtile Ich-Bezogenheit in den Aussagen, als sei man selbst der Grund dafür, dass es richtig sei, zu glauben. Als sei es eine Frage der persönlichen Wahl, was wahr ist. Die Qualität einer Beziehung wurde daran festgemacht, dass sie MIR etwas brachte; auf eine kaum zu fassende Weise wurde von Gott gesprochen, ohne dass er anwesend war.
Ich machte daraufhin mit ungefähr folgender Wortmeldung einen provokanten Versuch: Es sei mir erst einmal gleich, was der Glaube mir bringe. Denn bevor ich die Folgen betrachte, wolle ich erst einmal wissen, ob das denn stimmt, was ich da glauben soll. Ich hätte kein Interesse an Heilung durch jemanden, den es nicht gebe, denn dann wäre sie nichts als eine Selbsttäuschung. Für Gebete zu einem Gegenüber, dass gar nicht da sei, sei ich mir zu schade; Selbstgespräche könne ich auch ohne derlei Spielchen führen. Zudem fände ich diese Haltung Gott gegenüber, wenn es ihn denn gebe, reichlich unverschämt: ihm zu sagen, es sei gleich, ob er nun da sei oder nicht, solange nur die rechten Folgen für mich dabei herauskämen, wenn ich so tue, als halte ich ihn für anwesend. Kurz, ein Glaube, der letztlich eine Selbsttäuschung darstelle und zudem Gott gegenüber sehr ungehobelt sei, sei uninteressant. Ich glaube, ich schloss: „Um mich selbst zu verarschen, brauche ich Gott nicht.“
Spontanes Grinsen bei einigen, betretenes Schweigen bei anderen. Ich habe mir mit dieser Wortmeldung keine neuen Freunde gemacht, außer Gott sei Dank den hervorragenden Seminarleiter. Man fand das sehr befremdlich, wo doch der Glaube etwas so wohltuendes sei. Und plötzlich stand mehr oder weniger klar im Raum: Glaube funktioniert für viele genauso gut auch ohne Gott, solange die Endorphine fließen.

Ich habe über diese Situation viel nachgedacht. Ich habe natürlich keinerlei Einblick in die Tiefe dieser Menschen. In ihrem Glauben kann eine große Liebe und Treue liegen. Es kann darin eine Standhaftigkeit vorhanden sein, von der ich nur träumen kann. Dennoch halte ich es für eine der wesentlichen Grundlagen unseres Glaubens, dass er auf Tatsachen beruht, nicht auf Suggestionen. Er ist kein Denksystem mit positiver Wirkung, dass so viel Hoffnung bringt, wie positives Denken – er ist die Wahrheit. Wir müssen uns nicht, bildlich gesprochen, Äpfel vorstellen, um uns satt zu fühlen, sondern wir haben einen Baum, der sie wirklich hervorbringt. Wenn wir beten, meinen wir nicht Wohlfühl-Meditationen für unser kurzes Hier-und-Jetzt. Wir reden mit dem, der uns das Ewige Leben schenken will. Und, für mich entscheidend: ein Glaube, der nur solange sinnvoll, ja existent ist, solange ich ihn hervorbringe, kann mich im Tod nicht tragen, denn er stirbt mit mir. Spätestens im Tod stellt sich plötzlich die Frage mit aller Vehemenz: Gibt es Dich, Gott, und wenn ja, hast Du Gutes mit mir vor? Für viele wird diese erste Frage, die eigentlich Grundlage allen Glaubens sein sollte, erst als letzte Frage interessant.

Wenn ich jetzt eines wünschen darf, Herr, dann: lass mich mit der ersten Frage nicht bis zum Schluss warten. Lass mich im Blick auf das Kreuz niemals zweifeln, dass Du mit Deiner Liebe mich meinst, und lass mich Dich niemals wie einen eigenen Gedanken behandeln. Ich behandele Dich ohnehin schon schlecht genug. Alles Leiden dieser Welt ist wie ein Tropfen gegen den Ozean von Freuden, den Du für uns bereithältst. Leeres Geschwätz für den, der seine Wahrheit selber machen muss. Doch was für eine Verheißung, wenn es stimmt, was wir glauben.

Dienstag, August 15, 2017

Gedanken

Ich sehe in der Gesellschaft eine grundsätzliche Schieflage, der die Christen bislang eher wenig entgegen setzen.
Derzeit stehen in allen Diskussionen der Mensch und sein Wert im Mittelpunkt. Dabei geht man von eigentlich christlichen Grundlagen aus, wie einer unantastbaren Würde, persönlicher Freiheit und dem Vorrang des Gewissens. Das alles kann ein Christ unterschreiben. Doch plötzlich treiben in der Gesellschaft diese guten Grundsätze Blüten, die nicht mehr zu verantworten sind, wie Euthanasie und Abtreibung. Diskutiert man mit deren Befürwortern, berufen die sich auf dieselben Grundsätze, die uns dergleichen eigentlich unmöglich machen sollten. Es entstehen massive Diskussionen, in denen einer dem anderen die logische Konsequenz abspricht und jeder seine Moral bestätigt sieht. Und die erfahrungsgemäß wenig bis gar nichts bringen.
Der Mensch ist so wertvoll, dass nichts ihm schaden darf, aber nicht aus sich selbst. Er ist wertvoll, weil er geliebt ist. Wäre er letzter Grund in sich selbst, wäre er der Herr über sich selbst, aber er müsste sich auch selbst definieren, und das kann er nicht. Seine Freiheit bedroht sich selbst, das Ungeborene schränkt die Mutter ein und das Leiden die Würde. Die Gesellschaft sucht nach Auswegen und richtet sich notgedrungen gegen die Freiheit selbst. Die Selbstdefinition ist wie ein Hund, der sich in den Schwanz beißt.
Als Geliebter Gottes hingegen ist der Mensch nicht letzter Herr, sondern bezieht seine Würde von außerhalb. Doch diese Würde gibt Halt, denn sie treibt nicht, sondern steht sicher.

An dieser Stelle bleiben die Christen der Welt etwas schuldig, nämlich die Erkenntnis, worum es eigentlich geht. Kein vernünftiger Mensch gibt die Herrschaft über sich selbst auf, ohne dafür etwas Besseres zu bekommen. Kein Mensch tauscht seine Freiheit gegen Enge ein. Doch anstatt zu bezeugen, dass wir Geliebte Gottes sind, die nichts mehr wünschen, als dass alle anderen es auch werden, argumentieren wir mit dem, was man erst als Geliebter überhaupt verstehen kann: Lehre und Regeln. Die vom Gesetz frei gekauft wurden, argumentieren, als sei der Katechismus die neue Gesetzessammlung. Wir sind zum Festmahl eingeladen, doch anstatt unseren Gastgeber auch anderen vorzustellen versuchen wir, ihnen vorab Tischsitten beizubringen. Wie kann es sein, das wir Eingeladenen vergessen, dass man sich gut benehmen WILL, sobald man diesen Gastgeber auch nur flüchtig kennt?
Ohne die Verkündigung Gottes haben wir der säkularen Gesellschaft nichts entgegenzusetzen. Ich sehe eine große Gefahr darin, dass sich viele Christen in endlosem Ringen um Richtig und Falsch verlieren, weil sie für die Frage „Geliebt oder ungeliebt?“ nicht mehr offen sind.
Ich befürchte, dass diesen ganzen Fragen letztlich zuerst an uns gestellt werden, nicht an die Gesellschaft, die so verloren scheint. Wie gemütlich haben wir es uns in einer „christlichen“ Gesellschaft gemacht, zwischen Wohlstand und geforderten Menschenrechten? Wie sehr verwechseln wir inzwischen unsere eigene Weltanschauung mit dem, der uns senden will? Wie sehr definieren wir „Sendung“ inzwischen selbst und machen uns zum Gesandten in letztlich eigener Sache?
Nicht die Suppe ist schuld, wenn sie nicht salzig ist, weil das Salz schal ist. Nicht die Suppe wird von Christus gewarnt, sondern das Salz. Vielleicht braucht nicht die Gesellschaft eine Reinigung, sondern wir.

Mittwoch, Juli 26, 2017

Wieder hoch geholt

Betrachtungen von Papst Franziskus

Auszüge aus bisher unveröffentlichten persönlichen Ansichten eines Oberhirten.



























Montag, Juli 24, 2017

Kirche am Abgrund?

Mt 16,18:
Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.

Phil 2,12:
Darum, liebe Brüder - ihr wart ja immer gehorsam, nicht nur in meiner Gegenwart, sondern noch viel mehr jetzt in meiner Abwesenheit -: müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil!

Was lernen wir: die Kirche wird nicht überwunden werden, doch mein eigenes Heil will mit Mühe errungen sein. Ich brauche immer ein gesundes Misstrauen mir selbst gegenüber, doch in der Kirche habe ich eine feste Burg. So steht es in der Schrift.
Und dann höre und lese ich Diskussionen über Diskussionen, in denen es um den rechten Glauben geht. Eigentlich ein gutes und wichtiges Thema! Was mich nur irritiert und inzwischen oft schweigen lässt: diese Diskussionen werden in einer Art geführt, als sei man seiner selbst und des eigenen Glaubens unerhört sicher, die Kirche aber befände sich in größter Gefahr.
Ich denke, auf dieser Basis kann das nichts Sinnvolles werden, auch wenn es noch so gläubig rüber kommt: das ist die falsche Baustelle. Dorthin sind wir nicht gerufen und dort werden wir niemanden überzeugen außer uns selbst. Das ist einfach vom Prinzip her unbiblisch und unkatholisch.

Mein Sohn fasste es mit den Worten zusammen: „Wenn die Kirche am Abgrund steht, steht sie dort sicher.“ Ich denke, er hat recht.

Dienstag, Juli 11, 2017

Weichgespült

Es ist eine Herausforderung, und zwar eine große: es gibt einen gigantischen Raum zu regeln. Einen, in dem man sich wahlweise süße Kätzchen und noch süßere Kätzchen-Karikaturen anschaut oder Vergewaltigungen und Enthauptungen. Wo Unterdrückte sich Hilfe zusprechen und Unterdrücker Attentate verabreden. Wo Arbeit durch Kommunikation effektiver wird und Teenies kommunikationssüchtig werden.
Die eine Hälfte will man behalten, die andere aber nicht, doch das ist schwer. Wo ist die Grenze? Wer entscheidet? Und was, wenn sich unter die Entscheider einer mischt, möglichst noch in gehobener Position, der auf seine Weise eher zu den Unterdrückern gehört? Wer verhindert das? Und wie?

Faktisch stehen wir in einem Dilemma: „die Würde des Menschen ist unantastbar“ (Art. 1 GG), folglich darf nicht alles öffentlich bleiben, aber „eine Zensur findet nicht statt“ (Art. 5 GG). Wir brauchen Zensur, die keine ist, Schutz, der nicht knechtet. Wir müssen in Grauzonen Schwarz-Weiß-Entscheidungen treffen: löschen oder nicht? Es ist eine gewaltige Herausforderung, der zu begegnen eine lange Zeit dauern könnte und wo sich jeder, der es angeht, die Hände schmutzig machen wird. (Nebenbei gesagt sollte man daher denen, die es riskieren, aktiv zu werden, erst einmal mit großem Respekt begegnen, anstatt ihnen alles Mögliche zu unterstellen, weil einem die gezogenen Grenzen nicht passen.)
Das Ganze ist von einer kaum zu überbietenden Dramatik, und es ist neu: eines der ganz wenigen Probleme, deren Ausgang man nicht im Geschichtsbuch studieren kann. Mutige, entschlossene Personen sind gefragt. Philosophie wird plötzlich konkret, Gott wird ernsthaft gesucht, weil man von ihm ein paar Antworten möchte, die dringend gebraucht werden.

Bekommen wir das hin? Der erste Bericht, der von dort an die Öffentlichkeit dringt, an dem entschieden wird, zeigt eines: die Presse, die sich selbst gern als Enthüller und Vorkämpfer für die Freiheit sieht, stellt sich der Herausforderung erst einmal nicht. Der Bericht stammt aus den Räumen, in denen die Zensur stattfinden muss, die nicht stattfinden darf, doch die Frage ist nicht: was genau wird gemacht, wie und auf welcher Grundlage? Die Frage ist ein süßliches „Wie arbeitet und lebt es sich denn da so?“
Mitarbeiter sind belastet von dem, das sie sehen müssen. Das liest und hört sich interessant an, damit kann man sich identifizieren. Nicht die Zensur ist das Thema, sondern die Arbeitsbedingungen der Zensierenden.
Konservativismus, wie er NICHT sein sollte: ich löse nicht die Probleme mithilfe des Bewährten, sondern ich reduziere die Probleme auf das gewohnte, handliche Format; ein in linken Kreisen ungemein beliebter Konservativismus. Nur was ich kenne, kann ich angehen: die Mitarbeiter, die dort löschen müssen, brauchen keine tiefgreifende philosophische Unterstützung – sie brauchen mehr Betriebsräte. Danke, Frau Kühnast, für diese Information!

Donnerstag, Juni 29, 2017

Keine Chance gegen die Ehe!

Der Umgang mit dem Begriff „Ehe“ trägt Züge von George Orwells Roman „1984“: Begriffe werden geändert mit dem Ziel, den dahinterstehenden Inhalt verblassen zu lassen, bis niemand ihn mehr kennt und er verschwindet.  (LINK)
Für uns Katholiken stellt sich so eine schwierige Frage: verteidigen wir unsere Ehe oder nicht? Und wenn ja, wie?

Grundsätzlich haben wir einen schweren Stand, egal, was wir tun. Verteidigen wir den Begriff, erscheinen wir als unflexibel und eng, als Menschen, die andere ausgrenzen. Da mit dem Begriff „Ehe“ Rechtsfolgen verbunden sind, setzen wir uns in den Augen der Öffentlichkeit ins Unrecht, indem wir scheinbar bestimmen wollen, wer alles nicht in den Genuss von Förderungen etc. kommen darf. Das sind schwere Vorwürfe.
Verteidigen wir den Begriff nicht, nehmen wir Folgen (auch handfeste Rechtsfolgen) in Kauf, die wir nicht gutheißen können.
Was tun?

Erst einmal sollte man, so denke ich, erkennen, dass hier zwei unterschiedliche logische Systeme um die Vorherschafft ringen.
Das System, das uns derzeit eine Diskussion aufzwingt, besagt: die Wahrheit lässt sich wandeln. Seine Streiter sagen: Indem ich die Sprache und ihre Bedeutung ändere, übernehme ich die Hoheit über die Inhalte, die dahinter stehen. Dieser Ansatz hat augenscheinlich einiges für sich: er funktioniert offenbar, denn er setzt Dinge in Bewegung, wenn auch nicht so, wie man es wünschen sollte. Die Aufweichung des Ehebegriffs richtet schweren Schaden an, oder, wie die Gegenseite es formulieren würde: setzt längst notwendige Änderungen in Gang. Und so gibt es heftige Diskussionen, ob es sich bei den ablaufenden Prozessen um Schäden oder Erfolge handelt. Wenn wir uns auf diese Diskussionen einlassen, haben wir, wie ich befürchte, bereits verloren. Die gegen uns erhobenen Vorwürfe sind innerhalb der Logik, in der sich alles abspielt, nicht zu widerlegen.
Unsere Stärke, die letztlich gewinnen wird, liegt nicht in der Diskussion. Sie liegt darin, dass das derzeit handelnde System in sich falsch ist und wir die richtige Logik kennen: die der Wahrheit. Weil sie ein Bund ist, den letztlich Gott schließt, ist die Ehe nicht nur schützenswert. Sie ist aus eben diesem Grunde auch unermesslich stark, denn sie ist schlicht wahr. Die Ehe ist, was sie ist, egal, wie man ihren Namen zu verunstalten sucht. Um im Bild des oben verlinkten Beitrags zu bleiben: der Würfel wird unter den Quadern immer auffallen. Daran kann keine Verdrehung etwas ändern – das ist so. Selbst wenn man bei Würfeln ungleiche Kantenlängen zulassen oder gar vorschreiben würde: allein dieses Gebot würde den wirklichen Würfel für alle sichtbar definieren. Schafft man das Wort ab, wird sich ein anderes bilden, weil der Würfel eben nicht mit dem Wort verschwunden ist. Man kann ihn nicht abschaffen.

Wir sitzen am längeren Hebel. Gott hat den Ehebund gestiftet. Dieser Bund ist so real wie eine geometrische Form: er gehört zur umfassenden Logik der Welt. Aus dieser Logik heraus muss die Argumentation erfolgen, denn sie bringt das andere System zum Einsturz. Solange wir über Begriffe streiten, unterliegen wir der Gesellschaft, die Begriffe kapern und den Inhalt prägen will. Zeigen wir aber, dass es die Ehe, wie Gott sie gegeben hat, gibt, funktioniert die ganze Begriffsdiskussion nicht mehr.
Man mag sich verloren vorkommen, angesichts der überschäumenden Diskussionen und Aufbrüche in die Irre, doch wir können ruhig sein: wir stehen auf dem festen Boden – die anderen nicht. Und wir haben, dem Katholizismus sei Dank, eine unermessliche Menge an Mitstreitern: alle Heiligen kennen die Wahrheit und sind höchst aktiv. Und so kann man, denke ich, die Antwort Gottes bereits erkennen: an vielen Stellen gibt es kleine Aufbrüche, Ehe und Familie zu stärken und sie den Menschen ins Bewusstsein zu rücken.

Fazit: Wir müssen nicht alles in Kauf nehmen. Ich denke, es ist wichtig, Stellung zu beziehen! Doch gleich, wie man es tut: auf die Logik der von Menschen geänderten Wahrheit sollte man sich nicht einlassen. Die wirkliche Wahrheit siegt am Ende, das ist sicher.

Montag, Juni 19, 2017

Klimawandel

Johannes Hartl hat die Frage nach der Beurteilung des Klimawandels gestellt. Ein paar Gedanken dazu.

Bei der Beurteilung des Klimawandels gibt es einige grundsätzliche Probleme.
Eines: die fehlende Beobachtbarkeit im Detail. Es gab jedes einzelne der Phänomene schon so oder ähnlich in früheren Zeiten. „Hier und jetzt sehen Sie den Klimawandel an dem und dem Phänomen!“ – diese Aussage verbietet sich daher.
Weiterhin: die fehlenden Vergleichsmöglichkeiten. Sollte es das Phänomen geben, ist es in der Zeit der wissenschaftlichen Beurteilung Neuland. Es gibt keine empirischen Daten, auf die man Phänomene zurückführen könnte, sondern nur Modellberechnungen. Jede Verifizierung ist damit schwer.
Zudem: wissenschaftlich gibt es wohl keine einzige Theorie, zu der es nicht auch mindestens eine plausibel erscheinende Gegentheorie gibt.
Wie soll man nun etwas beurteilen, das sich nicht plausibel darstellen lässt, nicht einmal konkret vorhersagbar ist und zu dem es Gegenstimmen gibt? Hier ist auf die Struktur der Diskussion zu achten, die in großen Teilen am Problem vorbeigeht. Dabei ist die Gesellschaft eigentlich mit einer solchen Problematik vertraut. So gibt es Lungenkrebs bei Rauchern und Nichtrauchern. Anfangs reagierte die Tabakindustrie genau wie manche in der Gesellschaft jetzt: solange eine Erkrankung nicht ausdrücklich auf das Rauchen zurückgeführt werden konnte, wurde die Verbindung als nicht erwiesen betrachtet und mit diesem Einzelfall gleich der ganze Zusammenhang angezweifelt. Gegentheorien wurden präsentiert und wissenschaftlich untermauert. Doch dann wurde klar, dass es Zusammenhänge gibt, die sich durch Häufung zeigen, ohne dass der Einzelfall beweisbar wäre. Der größte Teil der Gesellschaft hat das begriffen. So gesehen könnte man sarkastisch fragen, wie viele vernichtende Stürme die Welt erleben muss, bis man die Häufung als Symptome eines Wandels akzeptiert. Doch dann wäre es zu spät: Handeln ist angesagt, bevor der Klimawandel sich klar manifestiert. Voraussetzung: es gibt ihn, er ist menschengemacht und man kann etwas Sinnvolles dagegen tun. Da gibt es eine Menge Konjunktive.
Allerdings: eine unbekannte Gefahr wird nicht dadurch ungefährlich, dass man feststellt, dass man noch nichts Genaues weiß. Ein Luftfahrtingenieur, der errechnete Gefahren für Flugzeuge ignoriert, bis es zu Abstürzen kommt, landet im Gefängnis, selbst wenn er als Grund anführt, das Problem habe sich so noch nie gestellt und er habe deshalb keine verlässlichen Daten gehabt. Der gesunde Menschenverstand lässt uns ein Brett über den Brunnen legen, bevor ein Kind hineinfällt. Das Fehlen von Beweisen mag ein Schwachpunkt in der Verstehbarkeit des Klimawandels sein – ein Argument gegen das Handeln ist es nicht.

Was aber ist mit Beispielen, die eher das Gegenteil der düsteren Prognosen nahelegen? Das prognostizierte Waldsterben hat so nicht stattgefunden. Das kann man nun interpretieren, wie man möchte. Tatsache ist, dass die Ursachen mit einigem Erfolg bekämpft, aber keinesfalls vollständig beseitigt wurden. Tatsache ist auch, dass es Schäden gab und gibt, die jedoch weit hinter den Prognosen zurückbleiben. Manche sehen darin ein Indiz dafür, dass es in der Natur größere Selbstheilungskräfte gibt, als in der Panikmache anerkannt wurde. Andere sehen darin gar einen Beweis dafür, dass derartige Prognosen substanzlos sind, dass sie möglicherweise gar bewusst falsch in die Welt gesetzt wurden. Wieder andere finden es ermutigend, dass man etwas bewirken kann. Die Frage, die bleibt, ist die Übertragbarkeit. Wieder gilt: das hatten wir noch nicht. Ist der Wald ein Indiz für den Sinn von umweltbestimmtem Handeln oder eines dafür, dass genau das überflüssig ist? Oder, um ein Bild zu wählen: befinden wir uns auf einer Straße, auf des es gilt, voranzuschreiten, und der Klimawandel ist ein unverantwortliches Ausbremsen? Oder befinden wir uns auf dünnem Eis und nehmen die Tatsache, dass wir noch leben, gerade als Indiz dafür, dass auch die nächste Scholle trägt, obwohl viele warnen, sie sei zu schwach?
Unser Problem ist, dass wir das im Letzten nicht wirklich wissen. Keiner von uns.

Worauf also sollen wir unser Urteil stützen? Es gibt zwei sehr verschiedene Dinge, die mir da plausibel erscheinen.
Zum einen: es gibt bessere Indizien als den Wald. In der Natur gilt, dass ein System umso empfindlicher auf Störungen reagiert, je stabiler es normalerweise als System ist. Pflanzen, die regelmäßig großen Temperaturunterschieden ausgesetzt sind, vertragen in dieser Hinsicht einiges. Pflanzen, die immer im gleichen Klima leben, sind empfindlicher. Das stabilste System, das wir haben, sind die Meere. Schon deshalb, weil sie so groß und damit träge sind, dass Veränderungen sich nur sehr langsam vollziehen. Folglich haben sich die dort lebenden Wesen an extrem stabile Verhältnisse gewöhnt und mussten kaum Toleranz gegen Abweichungen entwickeln. Vielleicht am spektakulärsten sind da die Korallenriffe; der artenreichste Lebensraum der Erde, angepasst an stabile Temperaturen, die bis zur Grenze ausgereizt werden. In diesem Zusammenhang googele man einmal die Stichworte reef, coral und bleaching: in den letzten 50 Jahren starben über 80% des Great Barrier Reefs, dass 50.000 Jahre lang wuchs. Im Indischen Ozean schwinden die Riffe. Die Malediven, einst ein Paradies, sind großenteils von toten Riffen umgeben. Es wird manche Insel ihre Existenz kosten, da die natürlichen Wellenbrecher fehlen. Es wird die Fischerei beeinträchtigen, weil die Kinderstuben der Fische fehlen. Und es kostet die Welt ein unersetzliches Stück Vielfalt und Schönheit. Die Ursache ist wissenschaftlich untersucht und klar: Das Wasser wird zu warm.
Kein Beweis für unsere Verantwortung, aber ein starkes Indiz. Es passt ins Bild, das vorhergesagt wurde und erhöht dessen Plausibilität auf traurige Weise. Das Riffsterben ist für mich ein entscheidender Punkt: davon brauchen wir nicht noch mehr.
Damit bin ich beim zweiten für mich entscheidenden Punkt: es gibt ein Motiv, das handeln lässt, ohne das letzte Beweise vorliegen: die Liebe. Eine errechnete Gefahr für meine Kinder, eine unbekannte Bedrohung für meine Frau ließen mich als Familienvater handeln. Eine Schöpfung Gottes, von Ihm geliebt, über die ich verantwortlich eingesetzt wurde, muss ich schützen.
Wie man da argumentieren soll, ohne dass es pathetisch oder schwülstig klingt, weiß ich nicht. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, wie man die Augen vor der Vernichtung von so viel Schönheit verschließen kann, mit dem lapidaren Hinweis, das habe es schon immer gegeben. Nein, es gab das noch nie, denn diesmal ist es mir anvertraut, was da vernichtet wird. Auch wenn es Feuer schon immer gab, will ich nicht zusehen, wie mein Haus bedroht wird. Da tue ich lieber etwas Überflüssiges, als dass ich Notwendiges auslasse. Wenn der mögliche Beweis das Eintreten eines Unglücks ist, besteht die Tugend des Handelns darin, nicht erst auf diesen Beweis zu warten.

Man kann dem entgegenhalten: So lässt sich die Menschheit mit erdachten Bedrohungen steuern, wie man möchte. Doch man kann auch sagen: schaut auf die Riffe und überlegt, ob ihr wirklich mehr davon wollt. Wer eine Lebensgefahr bewiesen haben will, ist erst dumm und dann tot.


Donnerstag, Mai 11, 2017

Entweder - Oder

[Ein älterer Text, der mir selbst gefällt.]

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie der Mensch zum Sein kommen kann: Schöpfung oder ein Weg ohne Schöpfung. Die Alternative hat Folgen.

Woher komme ich?
Angenommen, es gibt den Schöpfer. Wie vollzöge sich eine Schöpfung? Da sind die unterschiedlichsten Dinge denkbar. Jedes individuelle Ding und Wesen könnte sozusagen eine Einzelanfertigung sein. Der Schöpfungsakt könnte aber auch im Anstoß einer Entwicklung bestehen, die alles Gewollte hervorbringt: Der Beginn ist der Urknall, aber Gott hat es knallen lassen, und er wusste, was er tat. Auch allerhand Zwischenstufen sind denkbar. Auf jeden Fall aber wäre das, was ist, gewollt, wie es ist, und da, weil es gewollt ist.
Angenommen, es gibt keinen Schöpfer. Wie vollzöge sich eine Nicht-Schöpfung? Steven Hawking berechnete, dass das Universum keinen Anfang hat, weil im Urknall die Zeit erst beginnt und es daher kein „vor“ dem Universum gibt. Dasselbe gelte für sein einzig mögliches Ende – einen erneuten Zusammensturz. Es gibt weder ein „vor“ oder „nach“, noch ein „außerhalb“ des Universums. Es ist einfach da. Seine Entwicklung folgt den Gesetzen, die es hat, ohne dass diese Gesetze gewollt wären – auch sie sind einfach da. Diese Gesetze sind anfangs der Zufall, später die Qualifikation. Die Entwicklung aufgrund dieser Gesetze nennt man Evolution. Sie läuft so ab, dass sich (logischerweise) das weiterentwickelt, was dafür am besten qualifiziert ist. Dass man existiert, ist nicht gewollt, sondern ein Zeichen von Erfolg: man hat sich als eine von unzähligen Möglichkeiten durchgesetzt.

Was bin ich?
Angenommen, es gibt den Schöpfer. Der wäre dann Herr über die Schöpfung. Selbst wenn er seiner Schöpfung die völlige Freiheit ließe – er hätte zumindest festgelegt, was die Schöpfung ist, indem er sie so geschaffen hat. Die Frage, was ich eigentlich bin, wäre am sinnvollsten dem Schöpfer gestellt. Der könnte mir sagen, was mein Wesen ist, und ich hätte in seinem Wort einen Wegweiser, den zu befolgen mich tiefer in meine Freiheit und zu mir selbst führen würde. Um recht zu leben, müsste ich meinem Schöpfer folgen. Mein Leben hätte einen Sinn, weil es ein Ziel hätte. Ethik wäre das Erkennen des Ziels, Moral die Wegbeschreibung zu meinem Schöpfer.
Angenommen, es gibt keinen Schöpfer. Dann wäre ich grundsätzlich mein eigener Herr. Wegweiser auf meinem Weg durchs Leben kann nur meine eigene Beurteilung aufgrund meiner eigenen Erfahrungen sein. Was ich wirklich bin, kann ich nur selbst entdecken. Der Sinn meines Lebens wäre letztlich das Leben selbst, wenn man das einen Sinn nennen will. Um recht zu leben, müsste ich mir selbst und meinem Leben folgen. Ethik wäre die Erkenntnis, wie sich das Leben weiter entfalten kann, Moral die Wegbeschreibung hin zu mir selbst.

Wohin gehe ich besser nicht?
Angenommen, es gibt den Schöpfer. Was mir dann nicht passieren sollte, ist der Versuch, mein Leben abseits seiner Ideen zu gestalten. Da ich selbst eine dieser Ideen wäre, bedeutete jede Trennung vom Schöpfer einen Konflikt in mir selbst. Jeder Irrtum würde mich von meinem Ziel, nämlich ihm, entfernen.
Angenommen, es gibt keinen Schöpfer. Was mir dann nicht passieren sollte, wäre, in eine evolutionäre Sackgasse zu geraten. Aus dem Sieger würde der größtmögliche Verlierer.
So weit, so vereinfacht.

Was heißt das jetzt für mich?
Ich sollte mir klar sein, wo meine Lebensvorstellungen angesiedelt sind, und sie im Licht meiner Überzeugungen betrachten.
Die Folge eines gelungenen Lebens in der Evolution ist der Arterhalt: Erfolg ist, Nachkommen mit Nachkommen zu haben. Wenn man es einmal so in den Grundzügen beleuchtet, wird deutlich, dass es für die Ideen wie die der Kinderlosigkeit in der evolutionären Logik keinerlei Grundlage gibt. Kinderlosigkeit trägt gleichsam als Tatstrafe die totale Exkommunikation in sich: wer keine Nachkommen hat, stirbt, und das gründlich: er stirbt aus. Homosexualität beispielsweise oder auch jede andere Art von Ausstieg aus der Entwicklungskette sind evolutionär gesehen Sackgassen. Sie werden gnadenlos aus dem Weg geräumt. Es gibt nur einen erfolgreichen Weg: den der Fortpflanzung, denn er erhält das einzige, was in der Evolution Bestand haben kann: den Genpool, die Art. Der Einzelne ist bedeutungslos. Hmm…
Vor Gott hingegen ist Kinderlosigkeit durchaus eine Möglichkeit. Nicht das Leben selbst ist der Maßstab, sondern das rechte Leben gemäß dem Willen des Schöpfers. Eine Schöpfung hat Platz für individuelle Lebensentwürfe. Gott hat Interesse am Einzelnen. Man braucht keine Kinder, um geliebt zu sein: es gibt viele Wege. Hmm…
Wenn es also überhaupt einen Platz geben kann, an dem beispielsweise Homosexualität vertretbar ist, liegt dieser Platz im Religiösen. Irgendwie scheinen die Dinge anders zu liegen, als sie gemeinhin dargestellt werden.

Was heißt das jetzt allgemein?
Wie also gehen Religion und Evolution mit Dingen um, die nicht ins System passen?
Die Religion hat es einfach: sie kennt Fehler und Systemabweichungen. Man nennt sie Sünde und Schuld. Sie offenbaren das System als Bereich, von dem man sich entfernen kann. Umkehr und Vergebung ermöglichen die Rückkehr ins System. Schuld und Sünde ändern im Grundsatz nichts. Das System bleibt und bietet dem Einzelnen Orientierung. Der Weg mündet in die (hoffentlich gelingende) Ewigkeit.
Die Evolution hat es noch einfacher: es gibt gar nichts außerhalb des Systems (solange man keine Schöpfung nachweist). Alles, was es gibt, ist alleine deshalb richtig sein, weil es existiert - schließlich hat es sich als evolutionärer Vorteil entwickelt. Fehlentwicklungen gehören zum System wie Weiterentwicklungen. Die einen verschwinden, die anderen bleiben. Wenn man in der Evolution eine Sünde formulieren wollte, wäre es die der Fortpflanzungsunfähigkeit. Die Evolution antwortet auf solche Abweichungen einfach und gnadenlos mit dem Todesurteil. Die Evolution bietet dem Einzelnen keinerlei Orientierung. Sein „Überleben“ besteht bestenfalls im Weiterbestehen seiner Art. Wenn er sich aus dem Genpool kegelt, erfährt er das Schicksal der totalen Bedeutungslosigkeit: nichts bleibt von ihm.

Drei Möglichkeiten...
Wie gehen die Menschen damit um? Warum argumentieren die Menschen, die sich am stärksten für „individuelle Lebensentwürfe“ stark machen, dann nicht religiös? Warum berufen sie sich auf eine Logik, die sie ausrottet? Der Grund ist einfach: die Evolution lässt sie zu Lebzeiten in Ruhe. Sie hat Zeit und begnügt sich mit dem natürlichen Wegsterben. In ihr regieren Arten und Genpools – das Individuum ist belanglos. Die Religion hingegen stellt den Menschen in eine Verantwortung, die das tägliche Leben betrifft. Man kann nicht tun und lassen, was man will. Oder besser: man kann schon. Nur dass man die Folgen selbst tragen muss.
Man hat also drei Möglichkeiten. Man kann sich der Evolution entsprechend sinnvoll verhallten und mich vermehren, oder man kann machen, wozu man gerade Lust hat und sich naturwissenschaftlich als Verlierer outen, oder man kann sich dem Schöpfer unterwerfen und verantwortlich sein.

... und ihre (unerwünschten) Folgen.
Viele Menschen wollen nichts dergleichen: keine Kinder, kein Verlierertum und vor allem: keine Verantwortlichkeit vor Gott (weil sie die als lästige Abhängigkeit empfinden). Sie suchen „Selbstbestimmung“ und, wenn sie den Mut haben, über sich nachzudenken, dafür eine Rechtfertigung. Doch hier begehen sie einen tragischen Irrtum. Sie suchen nämlich nicht Rechtfertigung vor Gott dafür, was sie sind (die ließe sich finden, und sie ist großartig!), sondern Rechtfertigung vor sich selbst dafür, wie sie sind.
Die Religion scheidet so von vorneherein aus, denn in ihr bin ich zwar grundsätzlich gewollt, doch eben verantwortlich dafür, wie ich bin. Bleibt nur die Evolution, die plötzlich alternativlos ist und sich so von der Theorie zum Paradigma wandelt. Sie muss daher passend gemacht werden, koste es, was es wolle.
Auf Stammtischniveau geschieht dies durch Behauptungen. Da werden Dinge geltend gemacht wie ein „Schwulengen“. Banale Einwände wie „Ein Gen, dass die Vermehrung verhindert, wäre doch sofort aus dem Genpool verschwunden“ werden freundlich übersehen oder aggressiv verteufelt (was mangels Teufel nicht einfach ist, dafür um so lautstärker). Besonders in intellektuellen Kreisen wird viel über Evolution geredet, doch wenig darüber gewusst. Man stellt sich darunter eine Art permanenter Inzucht vor: ein paar Starke überleben, während der Rest wegstirbt. Dass da nichts zusammenpasst, ist egal: man ist wissenschaftlich, und da sind die Dinge eben komplizierter.
Diese Komplikationen bekommen die Menschen mit Wissen zu spüren, die Wissenschaftler, die etlicher Kunstgriffe bedürfen, die Idee der Nicht-Vermehrung als Vorteil für den Arterhalt darzustellen. Geradezu komödiantisch ist der Versuch, ernsthaft zu behaupten, Gene, die zur Nicht-Vermehrung führen, hätten sich durch Selektion durchgesetzt. Die wenigsten Menschen haben eine Vorstellung davon, was man inzwischen aus der Evolutionstheorie geworden ist: es ist eine Sammlung von Teiltheorien, die oft kaum vereinbar sind, die Sonderfälle zur Regel erheben und tausend Gründe dafür finden, dass Unzulänglichkeiten und Widersprüche eben doch zutreffen. Doch was tut man als Wissenschaftler nicht alles, wenn man seinen Job behalten will und Gott gegenüber keine Verantwortung hat: auf ein wenig Unsinn kommt es da nicht an, wenn das Publikum ihn doch so sehr wünscht.

Und jetzt?
Das, was der Kirche jahrelang vorgehalten wurde, nämlich dass sie die Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen will und entgegen sinnvoller Einwände ein ideologisches Weltbild gegen die Vernunft aufrecht erhält – genau das kann man heute life in wissenschaftlichen Kreisen bewundern. Die Wissenschaft tut etwas, was ihr zutiefst zuwider läuft: sie beobachtet nicht, um daraus Schlüsse zu ziehen, sondern sie sucht nach Beweisen für Schlüsse, die vorher feststehen. Gegenargumenten wird dementsprechend nicht sachlich, sondern ideologisch begegnet: man wolle wohl wieder ins Mittelalter zurück und eine flache Erde propagieren, sei ein Kreationist (incl. aller negativen Eigenschaften), sei homophob und dergleichen hochkarätige Einwände mehr. Die Evolutionsforschung wäre heute wahrscheinlich viel weiter, wenn sie nicht ständig das Ergebnis vorweg nehmen würde.

Und damit sind wir am Ende angekommen. Wenn Du den Schöpfer glaubst, tust Du gut daran, den Glauben zu bewahren. Selbst wenn Du dich irren solltest, ist Dein Glaube derzeit die offenere, beweglichere und damit für die Wahrheit freiere Haltung.
Wenn Du nicht glaubst, solltest Du dich bemühen, das wirklich ehrlich zu tun und die Konsequenzen zu sehen. Gib Dich nicht damit zufrieden, dass andere Dir erzählen, nicht zu glauben legalisiere, was der Glaube verbiete. Halte Dich nicht daran fest, alles sei gut, weil es da ist. Die Evolution, die Dir den Grund liefert, wird Dich auch auf die Folgen blicken lassen. Es ist der Blick in den Abgrund völliger persönlicher Bedeutungslosigkeit. Unglaube führt geradewegs auf das Abstellgleis der Evolution. Dass Du dort machen kannst, was Du willst, liegt nur daran, dass nicht einmal sie sich noch darum kümmert. Die vermeintliche gesellschaftliche Reputation, die Du fühlst, ist die Anerkennung durch Haltlose, die Belanglosigkeiten beklatschen. Nach Dir die Sintflut? Nein, nicht einmal das. Nach Dir gar nichts. Du bist ausgeschieden. Die Evolution hat Dich abgeschrieben – Gott nicht.

Mittwoch, April 26, 2017

Nein heißt angeblich immer noch nein...

Im Drogenrausch kommt es zu einer Vergewaltigung. Der Täter wird freigesprochen. Grund: es bestehen Zweifel daran, dass er erkannte, dass das Opfer es mir seinem Wehren ernst meinte. Kein nachweisbarer Vorsatz. Emma berichtet, ich verlinke es nicht - zu widerlich.
Trotzdem hole ich einen alten Artikel wieder hoch, den ich schrieb, als es um die gesetzliche Verankerung von "Nein heißt nein" ging und der genau das voraussagte. Nein, ich bin kein Prophet, sondern habe nur 1+1 addiert...

Nein heißt nein. Eine erstaunliche Erkenntnis, die jetzt sogar ins Gesetz soll. Da sage noch einer, wir seien kein Volk von Denkern mehr.
Die wichtige Sache, um die es dabei geht, ist der Sex. Eine Sache, bei deren Durchführung es allerdings weniger ums Denken an sich geht. Offensichtlich sind wir auch ein Volk von – nun ja, lassen wir das.
Der Anlass zu dieser geradezu philosophischen Herangehensweise an den Sexualtrieb, ein im wahrsten Sinne des Wortes drängendes Thema, ist das gehäufte Vorkommen von Fällen, in denen die Grenze zwischen Beischlaf und Vergewaltigung oder die zwischen Flirt und Nötigung zu verschwimmen beginnt oder massiv durchbrochen wird. Es sind schlimme Dinge, die da geschehen! Zurück bleiben Verletzungen, die es zu vermeiden gilt. Und die Gesellschaft, die sich mit Händen und Füssen dagegen wehrt, dass ihr irgendjemand ins Sexualleben hineinredet, sucht plötzlich nach gesetzlichen Regelungen. Wie soll das zusammengehen?
Man kann erst einmal durchaus eine Logik erkennen: ein großer Freiraum braucht eine starke Grenze, die die Freiheit schützt, indem sie die Unfreiwilligkeit aufs Schärfste sanktioniert: alles ist erlaubt, außer Zwang. Die Folge: da man, so ist es Konsens, nicht vorschreiben will, wer mit wem darf, wird eben geregelt, wer hinterher für was bestraft wird. Klingt komisch? Ist es auch, denn dies ist eine Logik, die nicht greift. Angesichts von Vergewaltigungen führt die gute deutsche Gesellschaft abstruse Diskussionen darüber, wie das verhindernde Nein denn formell auszusehen hat. Sagen? Wehren? Reicht ein Gesichtsausdruck? Oder gar ein ungutes Gefühl danach? Nur in den seltensten Fällen produzieren Gerichte etwas Sinnvolles, wenn sie nachträglich entscheiden sollen, was im Rausch der Sinne legitim war. Es ist absurd. Wie soll man in einem Rechtsstaat, in dem der Beklagte im Zweifelsfall freigesprochen wird, etwas verurteilen, für das es nur die Aussagen der Betroffenen gibt? Unser Rechtsverständnis bedeutet hier schlicht Pech für die Opfer, die keinen Beweis vorlegen können. Doch das kann es ja wohl nicht sein. Die ganze Diskussion geht offenbar am Ziel vorbei.

Vor Jahrzehnten befreite sich unsere Gesellschaft aus der sexuellen Bevormundung. Ihr Argument: man dürfe Liebe nicht verbieten. Doch diese gegenseitige Liebe ist längst nicht mehr Grundlage für Sexualität; schon bald wurde sie reduziert auf das Einverständnis der Partner zum sexuellen Vergnügen. Erlaubt war in den Augen der Gesellschaft, was beiden Spaß macht. Wozu lieben? Der/die hat doch sein/ihr Vergnügen, das reicht. Doch was macht dem Partner Spaß? Was ist erlaubt? Offenbar alles, wozu er/sie nicht nein sagt. Das ist zu wenig? Nun, genau darum scheint es aber zu gehen, denn genau das versuchen wir verzweifelt zu regeln: wie sagt man nein?
Dem Sexualtrieb, einem wilden Gaul, der ohnehin oft kaum zu reiten ist, wurden die Zügel abgenommen: zügellose Sexualität. Doch was als Befreiung gefeiert wurde, ging nach hinten los. Der Gaul tritt um sich und die Gesellschaft, die von einem heißen Rodeo auf seinem Rücken träumte, findet sich unter seinen Hufen wieder und ruft verzweifelt "nein, nein!". Und so treibt die selbstbezogene Leidenschaft im Bett und anderswo ihre traurigen Blüten.

Noch diskutieren wir darüber, wie man einem ausschlagenden Gaul mit einem entschiedenen Nein gegenübertritt. Noch spricht kaum einer aus, was auf der Hand liegt: Sinnvollerweise redet man beim Sex vom Ja, nicht vom Nein. Die einzig richtige Regel wäre: nur ein ausdrückliches Ja darf die Grundlage sein. Doch damit tut man sich schwer: wie soll man das regeln? Mit einem kleinen Standardvertrag, in dem man vorher kurz gemeinsam die einvernehmlichen Praktiken, Techniken und Hilfsmittel ankreuzt? Mit einer Art Sex-AGB? Und wie dokumentiert man die Einhaltung der Vereinbarung?
Man kann es drehen und wenden, wie man möchte: beim Sex begibt man sich in einen Lebensbereich, der gesetzlich nicht zu fassen ist. In dem die einzige Sicherheit, die man hat, das Vertrauen den Partner/die Partnerin ist. Das Wohl des anderen muss dem eigenen Vergnügen mindestens ebenbürtig sein - eine Haltung, die zwischen Menschen, die sich lieben, selbstverständlich ist. Das Ja muss die Grundlage sein, damit es unnötig wird, ein Nein rechtlich durchzusetzen.
Jeder sexuelle Verstoß gegen das Wohl des Partners ist ein Vergehen, jeder gewaltsame Verstoß ein Verbrechen, sei es körperliche oder seelische Gewalt. Selbstverständlich muss es Sanktionen geben, doch in vielen Fällen wird ein Opfer nicht zu seinem Recht kommen – weder die direkten Opfer von Gewalt, noch die Opfer falscher Aussagen. Ein gesetzlicher Schutz, so wichtig er ist, wird niemals ausreichen.
Deshalb ist die Gesellschaft dringend gefragt, den Gaul wieder einzufangen: ein zügelloser Sexualtrieb, der überall und in jeder Form als auslebenswert hofiert und gepriesen wird, hat mit sexueller Freiheit so viel zu tun, wie Fressucht und Übergewicht mit gesunder Ernährung. Es ist erschütternd, dass die Gesellschaft zunehmende Nötigungen und Vergewaltigungen braucht, um anhand der verursachten Verletzungen langsam den Wert und die Tiefe der Sexualität wieder zu entdecken. Und doch ist es ein kleines Hoffnungszeichen.

Für diejenigen, die nicht warten können, bis die nötige Vertrauensbasis da ist, empfiehlt sich mittelfristig, beim One-Night-Stand für eine ausreichende Anzahl von Zeugen zu sorgen und zur Dokumentation wenigstens eine Tonaufnahme mitlaufen zu lassen. So ist man auf der rechtssicheren Seite. Alle anderen sollten überlegen, ob es vielleicht irgendwo eine Orientierung gibt, in der Sexualität, Verbindlichkeit, Liebe und Vertrauen zusammengehören und man mehr auf den Partner schaut, als auf sich selbst.

Dienstag, März 14, 2017

Stimmt teilweise immer noch.

Wir haben einen neuen Papst!
Ein sympathischer Mann, der aus einem anderen Kulturkreis stammt. So anders, dass Weihnachten dort ein Sommerfest ist und Ostern etwa dort liegt, wo wie Erntedank kennen. Wo Armut nicht anhand des Durchschnittseinkommens definiert und in Berichten festgehalten, sondern auf der Straße erlebt wird. Wo… kurz: es ist anders.

Dieser Papst hat mir viel Neues beizubringen. Wenn aber etwas neu ist, tue ich gut daran, es mir genau anzuschauen und zu versuchen, es zu verstehen, denn ich kenne es nicht: so geht Lernen.

Wie Lernen hingegen NICHT geht, erläutert am Beispiel der Multiplikation:
  • missbilligen, dass man sie nicht kennt.
  • missbilligen, dass etwas anderes als bei der Addition herauskommt.
  • fragen, ob es überhaupt erlaubt ist, zu multiplizieren.
  • dem Mathelehrer die Ehrfurcht vor der Addition absprechen.
  • feststellen, dass das x für „mal“ anders aussieht als das + für „und“ und deshalb anzweifeln, dass es sich noch um Mathematik handelt.
  • darüber diskutieren, ob Multiplikation nun die Fortführung der Addition oder ein Bruch damit ist.
  • hoffen, dass der Papst endlich die Subtraktion abschafft oder die persönliche Fußnote zur Grundrechenart erhebt.
Das vor Augen kommt man beim Lesen in den Medien schnell zu dem Schluss, dass große Teile unserer Bevölkerung hochgradig lernresistent sind, denn: genau so wird diskutiert. Absurd, das Ganze? Ja.

Offenbar erscheint Ungewohntes gefährlich, auch wenn es vom Heiligen Geist eingefädelt wurde. Könnte ja sein, dass der im Konklave nicht stark genug war oder nicht ganz bei der Sache.
Den Ausweg haben die Medien jedoch längst gefunden. Die gefahrlose Alternative zum Lernen ist das Spekulieren. Da brauche ich mich nichts Neuem zu öffnen, sondern kann die Dinge getrost von meiner gewohnten Warte aus im Hypothetischen halten. Es reicht, festzustellen, was anders ist, um den Unterschied dann anhand des Bekannten zu verwursten. Darauf stürzen sich derzeit die Medien! Denn Medien können sich sehr viel vorstellen, nur eines nicht: dass sie selbst zu einem Urteil noch nicht in der Lage sind.
Und so wird vor allem über das geredet, was nicht ist: nicht da, wie rote Schuhe, nicht mehr, wie Benedikts Art, Papst zu sein, oder noch nicht, wie das, was aus Georg Gänswein einmal werden könnte. Wird dann tatsächlich einmal über Franziskus geredet, dann fast immer im Zusammenhang mit einem „Nicht“: ob er die Fortführung vom Nicht-Mehr-Papst ist oder nicht, ob seine Bescheidenheit echt ist oder nicht etc. pp. Es wird spekuliert ohne Ende.
Das Schönste ist, dass man, gerade indem man nichts weiß, den Papst dabei viel besser zu verstehen glaubt, als er es selbst kann. Dadurch, dass er ständig mit unpassenden Maßstäben gemessen wird, erscheint auch alles unpassend und fremd, was er so tut. Man könnte den Eindruck gewinnen, der Papst sende unentwegt Zeichen aus, deren tiefen Sinn er selbst jedoch nicht ganz versteht. Dabei sind es in Wahrheit wir selbst, die gleichsam mit einer Karte von Deutschland durch Argentinien fahren, und, intelligent, wie wir sind,  feststellen, dass die Straßen falsch gebaut sind. Wir sind es, die es vorziehen, alles durch den Filter der Gewohnheit zu betrachten, anstatt Neues zu lernen. Durch diese Filter passt Franziskus nicht, und schon läuten die Alarmglocken. Kein Wunder, dass mancher sich Sorgen macht.

Es ist, denke ich, an der Zeit, sich Zeit zu lassen. Nicht nur der Papst braucht sie, sich in sein neues Amt zu finden – auch wir brauchen Zeit, ihn kennen zu lernen. Ihn und seine Art, Papst zu sein. Wir sollten uns selbst nicht so stressen! Nicht der vorschnelle Verdacht ist Stärke, nicht das Urteil ohne Basis, das gefällt wurde, bevor die Zeit dazu reif war, das Vorurteil. Hier liegt die katholische Kraft wirklich in der Ruhe, die nicht fragt „Was macht der Papst alles falsch“, sondern fragt: „Heiliger Geist, was willst Du von MIR?“

Donnerstag, Februar 09, 2017

Aaah – ja!

„NRW will Polizistinnen besser schützen“ titelt RP online (LINK).
Das macht mich grübeln. Also die Polizei – die schützt uns nicht, sondern die braucht Schutz? Der alte Schupo hat offenbar ausgedient, und das gründlich. Hmm.
Wie wäre es damit, die Polizistinnen unter Polizeischutz zu stellen? Ach nee, geht ja nicht. Denn wer schützt dann diese Polizei?

Die emanzipierte Polizei, die endlich 40% Frauenanteil hat, muss notgedrungen diese Frauen unter Männerschutz stellen: jetzt sollen künftig die Polizistinnen nur noch in Männerbegleitung auf die Straße. War früher schon in der Gesellschaft so, fanden alle doof und unemanzipiert – jetzt kommt es als Lösungsvorschlag in der Polizei wieder zurück. Nur: in der Gesellschaft war das OK, es hatte was von gutem Benehmen. Bei der Polizei hingegen ist das ein Armutszeugnis.
Auf die gleiche Baustelle verweist ein anderer Abschnitt des Berichts:
„Innenminister Ralf Jäger … hingegen verwahrt sich gegen den Begriff (= No-Go-Area) und verweist darauf, dass es in NRW und ganz Deutschland keine Gegenden gibt, die von der Polizei gemieden werden. "Wir können in solche Gegenden aber nicht nur Frauen zu Einsätzen hinausschicken", betont ein Kriminalhauptkommissar.“
A-ha! Es gibt diese Gegenden nicht, aber wir können nicht nur Frauen hinschicken. Lieber Herr Minister, wenn es solche Gegenden nicht gibt, müssen wir eigentlich überhaupt niemanden hinschicken.

Lieber Herr Minister Jäger, wir müssen die Polizei nicht schützen. Es würde reichen, den Polizisten wieder die Mittel an die Hand zu geben, uns zu schützen. Und damit ist keine verstärkte Bewaffnung gemeint, sondern in erster Linie eines: Rückgrat der Politik. Vorgesetzte, die Einsätze unterstützen, nicht nachträglich auf Opportunität prüfen.
Wenn eine Polizistin nicht ernst genommen wird, liegt das nicht daran, dass sie schwächer ist, als ein Mann. Es liegt daran, dass sie nicht mehr mit der Autorität auftritt, die sie haben müsste. Sie vertritt nicht mehr den Staat, sondern muss sich gegen den Staat verteidigen, wenn sie einen Fehler machen sollte, wobei die Politik sich nicht zu schade ist, nachträglich festzulegen, was denn nun ein Fehler war.

Und so beschert uns die Politik Unisex-Klos und gemischte Polizeistreifen in Gegenden, die es nicht gibt und die Vorschrift zum Kavaliersdienst in gemischten Hundertschaften. Der Lichtblick: langsam beginnt die Komik des Ganzen die Tragik zu überstrahlen. Wir saufen kichernd ab. Wenigstens etwas.

Dienstag, Januar 24, 2017

Make America What? Again?

Trump ist Präsident. Die einen wissen, dass ab sofort alles schiefgeht, sind aber erstaunlicherweise ziemlich deckungsgleich mit der Fraktion, die jede Art beispielsweise christlicher Prophetie als Humbug abtut. Die anderen sind, häufig religiös und wertebewusst, eher offen für Prophetien, derzeit aber auch für Häme, tut es doch gut, dass die linken Befürworter jeder Vielfalt endlich einmal eins zwischen die Hörner bekommen, müssen sie doch notgedrungen eine Vielfalt akzeptieren, die sie so gar nicht mögen.
Kurz: die einen schäumen, die anderen freuen sich, klammheimlich bis offen. Trump spaltet, und alle machen mit. Daher auch ich: bei derart vielen Meinungen macht eine weitere, die ungehört bleibt, wirklich nichts mehr aus.

Was die Politik Trumps angeht, erlaube ich mir kein Urteil. Wie auch – er hat schließlich noch keinerlei Politik betrieben. Zwar sind da durchaus Bedenken angebracht: ohne Übung wird man kein Meister. Trump erinnert da etwas an den Typen, der auf die Frage, ob er Klavier spielen könne, antwortete, er wisse es nicht, denn er habe es noch nie versucht, doch könne es nicht schwer sein, im richtigen Moment den richtigen Knopf zu drücken. Andererseits haben die Profi-Politiker bisher keine allzu heldenhafte Rolle gespielt, was schnell deutlich wird, wenn man sich die Welt anschaut. Mag sein, dass es Zeit wird, dass jemand den Laden einmal gründlich aufmischt, damit er neu sortiert wird. Prüfet alles, das Gute aber behaltet – könnte sein, dass Trump hier die Rolle der Prüfung spielt. Alles Weitere wird die Zukunft zeigen, und der lasse ich erst einmal Zeit sich zu zeigen. Urteile später.

Was mir allerdings sauer aufstößt, sind zwei Ankündigungen Trumps, was mich verwundert, ist, dass ich dies noch nirgends las: Diese beiden passen einfach nicht zusammen: „Make America Great Again“ und „America First“.
Denn was machte Amerika groß, das es zweifellos lange war und eigentlich in vielem auch heute noch ist: seine Konsequenz bis hin zum heldenhaften Edelmut, wenn es darum ging, das zu verteidigen, was es für gut hielt. Das Ansehen Amerikas in der Welt als wertebildende Institution beruhte auf seiner Bereitschaft, NICHT immer zuerst an sich zu denken. Vermischt mit einer puritanischen Moral, einem teils nervenden Sendungsbewusstsein, wirtschaftlichen Interessen und einer doch etwas schrägen Mentalität waren viele amerikanische Aktionen schwer auszuhalten, doch alle hatten sie irgendwo eine moralische Seite. Amerika mag üble Fehler begangen haben – sein Ringen um Moral war immer spürbar. Dieses Ringen ist Amerikas Größe. Wie wichtig es auch gerade den Amerikanern selbst ist, mag ein banales Beispiel zeigen: nahezu jeder amerikanische Spielfilm hat es letztlich zum Thema.
Und jetzt kommt Trump und will genau diese Größe abschaffen, indem er die Wirtschaft an die Stelle setzt, die bisher die Moral innehatte. Immer hat in den USA das Geld irgendwo der Moral gedient, und sei es nur, indem es das System finanzierte. Jetzt jedoch wird die Moral ausdrücklich dem Geld untergeordnet. Hätte der Slogan „Good for America“ gelautet – er wäre in Ordnung gewesen. „America First“ hingegen ersetzt die allgegenwärtige Priorität der Moral durch die Priorität des Geldes.
Amerika wird möglicherweise dadurch reicher – mit Sicherheit wird es moralisch kleiner. Great? Nein. Es wird kleiner, als es je war. Again? Auch nicht. Schade, Amerika.

Disclaimer: auch dies beruht auf Annahmen, die die Wirkung einzelner Worte in die Zukunft extrapolieren. Der Artikel ist damit nichts als eine Prophetie, die durch nichts gestützt wird als die Meinung des Autors.

Freitag, Januar 13, 2017

Neues Interview S. E. Bischof Oesterhagen

Presse: Herr Bischof, was halten Sie von der Mehr-Konferenz?

Bischof Oesterhagen: Ach wissen Sie – für manche Dinge bin ich einfach zu alt. Deshalb…

Presse: Haben Sie denn einen Teil im Internet verfolgen können?

Oesterhagen: Bitte lassen Sie mich doch ausreden. Deshalb habe ich darauf verzichtet, zu tanzen, und mich immer ganz hinten auf die Tribüne gesetzt. Inkognito, damit ich keine Interviews geben musste.

Presse: Sie waren tatsächlich selber dort? Was war Ihr Eindruck?

Oesterhagen: Nun, einige der Aussagen waren mir etwas fremd.

Presse: Sie hatten theologische Probleme mit den Referenten?

Oesterhagen: Nein, eher grammatikalische mit den Besuchern. Wenn junge Leute im Gespräch begeistert kundtun, der heiße Lobpreis sei einfach cool oder sie seien ganz weg von der Idee, einfach da zu sein, dann glaube ich zwar zu verstehen, was sie meinen, aber ich würde es doch anders formulieren.

Presse: Damit sind wir gleich bei einem der Kritikpunkte: ist eine solche Sprache, ist ein solcher Stil geeignet, Menschen zurück in die Kirche zu führen? Das fragen sich viele, die sehen, dass sogar die Messe mit dem Bischof so gestaltet wurde.

Oesterhagen: Wo soll ich anfangen? Schauen Sie, wenn dort 8000 Menschen zusammen mit dem Bischof die Heilige Messe feiern – wie sollen die zurück in die Kirche? Sie sind doch gerade drin, oder? Also zumindest, wenn ich als Bischof die Messe feiere, habe ich schon den Eindruck, es finde im Rahmen der Kirche statt. Sie nicht?

Presse: Äh... sicher, doch… Aber Ihre Messen laufen auch anders ab.

Oesterhagen: Tun sie das? Schuldbekenntnis, Kyrie, Gloria, Lesungen, Evangelium, Homilie, Eucharistiefeier, Segen – das mache ich doch genauso.

Presse: Bei Ihnen ist es stiller…

Oesterhagen: Das hoffe ich doch nicht! Wenn in der Messe das Kyrie kein Schrei zu Gott ist, das Gloria kein Jubel und die Predigt keine flammende Ermutigung, dann taugt sie nichts. Dann ist die Eucharistiefeier eine Einladung an den Herrn in eine Gruppe, die ihn anschweigt oder ihm bestenfalls freundlich zunickt. Er kommt, denn er ist treu. Aber wir haben unseren Job nicht getan. Eine Messe muss laut sein. Laut vor Gott. Der Herr misst Lautstärke nicht in Dezibel, sondern in Leidenschaft. Wissen Sie, wenn wir am Hochaltar im Dom die Messe in der außerordentlichen Form zelebrieren, an unserem wunderbaren Hochaltar, den wir gerade von wirklichen Künstlern instandsetzen ließen, denn die Farbe wurde vom Weihrauch angegriffen, und billig war das nicht – aber wo war ich? Ach ja, richtig: warum tun wir das und feiern dort? Weil es für viele Menschen der Ort ist, an dem sie wahrhaft beten können. Form, Ruhe und Stille sind der Raum, in dem es laut vor Gott wird: Dank, Jubel, aber auch Hilfeschreie kommen von dort vor ihn. Und er kommt zu uns. Das ist Messe. Und genauso war es auf der Konferenz.

Presse: Doch in Ihrer Messe muss nicht jeder an allem teilnehmen, was die anderen denken. Lieder entarten nicht zum Geschrei, Gebete nicht zum öffentlichen Outing. Wo ist die Würde der Feier?

Oesterhagen: Ja, genau das ist die Frage: wo ist die Würde? Worin liegt sie? Sie liegt nicht in uns, sondern in Gott. Wir haben in jeder Messe zu Beginn ein öffentliches Outing: Herr, ich habe gesündigt. Ich bin ein schlechter Mensch. Und ich bitte alle Anwesenden, seien sie lebendig oder beim Herrn, dringend um Gebet. Ist es würdig, mit der eigenen Sünde hausieren zu gehen? Ja, weil Gott sie vergibt. Die Idee, ich könnte selbst würdig sein, ist absurd. Fällt denn niemandem auf, dass wir in jeder Messe, selbst nach einer Beichte, nachdem wir fast eine Stunde würdig beteten, sangen, knieten, saßen und standen, bekennen: Herr, ich bin NICHT würdig… Und erst dann begegnen wir ihm.

Presse: Müssen wir da nicht unterscheiden zwischen den Menschen und dem Ritus? Im würdigen Ritus kommt Gott zu unwürdigen Menschen.

Oesterhagen: Das haben Sie schön gesagt. Genauso ist es. Wann also ist der Ritus würdig? Oder besser: für wen soll er würdig sein? Ich denke, man kann es ganz kurz sagen. Es gibt zwei Voraussetzungen: er muss vollständig sein und er muss Gott gefallen. Vollständig, weil ich vom Heil nichts abschneiden kann, ohne es letztlich zu verlieren, und gottgefällig, weil ER uns in der Feier begegnet.

Presse: Man hat jedoch den Eindruck, dass diese Vorträge und diese Lieder eher dazu angetan waren, den Menschen zu gefallen. Dass es doch sehr um eine gute Stimmung ging.

Oesterhagen: Nun, ich begreife immer weniger, was Sie wollen. In jeder Messe freut man sich, wenn die Musik gut ist. Mir ist noch nie jemand begegnet, der sich nach der Kirche für schlechtes Orgelspiel bedankt hätte oder dafür, dass ich heiser gesungen habe. Für eine gute Predigt habe ich Gott sei Dank schon ein paarmal Lob bekommen, für eine schlechte hat sich noch keiner bedankt. Über Schlechtes wird sich beschwert. Hier soll auf einmal der Gute falsch sein? Wo ist Ihre Logik geblieben!

Presse: Es ist halt nicht jedermanns Sache, solche Musik… Unwürdig, wie manche meinen.

Oesterhagen: Nein, es gefällt nicht jedem. Oder man hat andere Schwerpunkte. Ich höre am liebsten Palestrina und Bach. Das macht aber nichts, das ist in Ordnung, denn die Lieder werden nicht für die Kritiker gesungen, sondern für Gott. Wissen Sie, als ich ein junger Kaplan war, war ich Mitarbeiter bei einem alten Priester. Und der schickte mich regelmäßig an die Orgel, wenn er die Messe feierte, obwohl ich kaum spielen konnte. „Zur Ehre Gottes!“ sagte er. Ich sagte, man solle Ihn doch lieber mit guter Musik ehren, nicht mit einem solchen Gejaule. Er antwortete, er schicke mich so lange an die Orgel, bis ich gelernt hätte, dass man Gott nicht mit Perfektion, sondern mit Liebe ehrt. Ich könne natürlich auch versuchen, so gut Orgel zu lernen, bis es Gott imponiere. Es hat eine Weile gedauert, bis ich es wirklich begriffen hatte, aber es war heilsam. Gott muss es gefallen. Und ich versichere Ihnen: dieser Lobpreis war randvoll mit Liebe!

Presse: Man könnte Ihre Position im Streit um den Sinn solcher Konferenzen also wie folgt zusammenfassen:…

Oesterhagen: Nein! Kann man nicht.

Presse: Äh…

Oesterhagen: Sehen Sie, ich beziehe keine Position in einem Streit. Das wäre nicht im Sinne des Herrn.

Presse: Es gibt sie aber schon, diese Differenzen um Events dieser Art.

Oesterhagen: Wir reden über Liebe. Wenn ein junger Mann sich bis über beide Ohren verliebt – welch ein Event! Was tut er? Ich werde Ihnen sagen, was er NICHT tut. Er wird NICHT seine Freunde anrufen, um ihnen zu erklären, was gerade psychologisch in ihm vorgeht und warum das Kribbeln im Bauch eigentlich unwichtig ist, ja als schwärmerisches Gefühl sogar von der wahren Liebe ablenkt. Er wird hingegen seinen Freunden von seiner Liebsten vorschwärmen. Er wird die Blumen, die er ihr schenkt, selbst lieben, weil sie für SIE sind. Und wenn seine Freunde gute Freunde sind, werden sie ihn verstehen. Und wenn er ausruft: „Dieser Freu MUSS man einfach Blumen schenken!“, dann werden sie sich für ihn freuen. Was die Freunde NICHT tun werden: ihn zur Rede stellen und ihm vorwerfen, er sei unfrei, denke nur an sein Vergnügen und nötige sie zudem, einer unbekannten Frau Geschenke zu machen. Als gute Freunde werden sie erkennen, dass er gerade ganz besonders frei ist, weil er liebt.

Presse: Und zugleich werden sie wissen, dass dies nicht der Alltag ist.

Oesterhagen: Und wenn sie lebensklug sind, werden sie bedenken, dass eine Ehe in schweren Zeiten umso besser besteht, je mehr die Ehepartner in der Lage sind, sich einfach aneinander zu freuen. Wer im Überschwang des Glücks zu trinken vermag, steht Durststrecken besser durch. Eine sehr kluge alte Frau hat mir einmal das Geheimnis ihrer gelungenen Ehe verraten: Liebe, sagt sie, ist wichtig und gut. Aber ein wenig Verliebtheit muss man sich immer erhalten. Sehen Sie, der junge Mann gibt Zeugnis von seiner Liebe. Und seine Freunde erkennen das und lassen es als das stehen, was es ist. Daraus einen Streit zu machen wäre absurd. Ich hoffe sehr, dass ich in diesem Gespräch nicht wirke wie einer, der erklären will, warum Liebe sinnvoll ist, sondern wie einer, der liebt. Und darum beziehe ich keine wie auch immer geartete Position. Gott gefällt es, wenn wir Zeugen sind. Anwälte braucht er nicht.

Presse: Gefällt es Gott denn auch, wenn Katholiken und Freikirchler zusammen versuchen, an einem Strang zu ziehen? Besteht da nicht eine erhebliche Diskrepanz zwischen der katholischen Lehre und der aggressiven, der europäischen Frömmigkeit fremden Inszenierung eines Ben Fitzgerald, wie Magnus Striet sagte?

Oesterhagen: Sie erinnern sich daran, dass Ben Fitzgerald erzählte, wie er zusammen mit einem Katholischen Priester für einen Kranken betete?

Presse: Sie wollen doch nicht etwa sagen, das waren SIE?

Oesterhagen: Das sollten Sie jedenfalls nicht ausschließen.

Presse: Herr Bischof, ich höre an dieser Stelle lieber auf. Wir bedanken uns für dieses Interview.

Montag, Januar 02, 2017

Grüne erkennen Straftäter am Geruch.

GrünInnen-Chefin Simone Peter sprach sich nachdrücklich dagegen aus, potentielle Straftäter aufgrund ihres Aussehens zu beurteilen und rief damit einen Sturm der Entrüstung hervor. Doch zeigt Peter damit letztlich eine beispielhafte Konsequenz. So wird verständlich, warum die GrünInnen gegen Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen sind: aufgrund von Filmaufnahmen können Täter ausschließlich aufgrund ihres Aussehens gefunden werden – für Peter und ihre ParteigenossInnen ein Unding.
Man mag dieser Betrachtungsweise kritisch gegenüber stehen, doch sollte man sie verstehen, um sie richtig und differenziert beurteilen zu können. Die GrünInnen erkennen Straftäter nämlich am Geruch. Dabei gehen sie sehr klar und eindeutig vor: wer ihnen stinkt, ist ein Gefährder oder Täter. Wer ihnen hingegen nicht stinkt, muss geschützt werden. Teils hängt das von der Richtung ab, in der gesellschaftlich gerade der Wind weht, teils stinken bestimmte Gruppen für GrünInnen aber auch meilenweit gegen den Wind.
So ergibt sich ein eindeutiges Täterprofil. Die Polizei täte gut daran, es zu beachten, wenn sie nicht weiter an den Pranger gestellt werden will.