Sonntag, April 15, 2012

Inzest – warum nicht?

[Von Bastian]
Das Verbot sexueller Beziehungen zwischen Blutsverwandten passt nicht mehr in unsere Zeit. Das findet Hans-Christian Ströbele und das findet auch der Blinde Hund in seinem Blog. Er kommt mit anderen zu dem Urteil: „Das Inzestverbot stützt sich auf ein Tabu, das noch in unseren Köpfen existiert, gesellschaftlich aber nicht mehr relevant ist.“ Das scheint nachvollziehbar, stützen sich die Gerichtsurteile doch auf fragwürdige Grundlagen wie die Strafbarkeit in vielen Ländern - seit wann sind fremde Gesetze für uns normierend? - und eine „kulturhistorisch begründete, nach wie vor wirkkräftige gesellschaftliche Überzeugung“, doch ist „das war schon immer so“ eigentlich eher eine bekannte Verballhornung des Beamtenapparats als eine Rechtsgrundlage.
Auch die Gefahr von Erbschäden ist kein Verbotsgrund, denn die besteht auch an vielen anderen Stellen, ohne dass man daraus Regeln herleiten würde. Selbstverständlich dürfen Menschen mit bekannten Erbkrankheiten Kinder zeugen.
Also was? Eine Regelung ohne Boden, ohne Grundlage? Vielleicht sogar ein Ballast, der Menschen hindert, Liebesbeziehungen einzugehen? Jedes Verbot ist eine Einschränkung. Es muss einen Grund dafür geben, sonst ist es Willkür, die das Glück von Menschen behindert. Ohne diesen Grund hat Ströbele Recht.

Ich finde allerdings, dass dieser Grund evident ist, wenn man sich nur anschaut, was das Verbot eigentlich bewirkt. Es unterscheidet unterschiedliche Arten von Beziehung, in denen Menschen zueinander stehen können. Es beruht auf der Erkenntnis, dass eine geschwisterliche Beziehung etwas anderes ist, als eine eheliche Liebesbeziehung, und dass eine Eltern-Kind-Beziehung wieder etwas anderes ist, und diese Binsenweisheit wird gesetzlich geschützt. Das ist normal und sinnvoll: wichtige Dinge im Leben der Menschen werden durch Regeln gesichert. Die Gesellschaft erklärt weise die Grundlagen, auf denen sie steht, für verbindlich und schützenswert. Es gibt eine Vielfalt an Gegebenheiten und Möglichkeiten, an Beziehungen und Wegen. Was wäre schützenswerter, als diese Vielfalt?

Die eigentliche Frage, die im Raum steht, ist die: wie kann es sein, dass Menschen das übersehen, was offensichtlich ist? Wie kann man auf die Idee kommen, seine Schwester zu seiner Frau zu machen, oder vielleicht den eigenen Vater zum schwulen Geliebten, und sich dabei noch besonders aufgeklärt vorkommen?
Wie man so denken kann, weiß ich nicht. Aber mir fällt auf, dass es einen geradezu krankhaften Wahn in unserer Gesellschaft gibt, der sich gegen jede Art von Gegebenheiten auflehnt. Alleine die Möglichkeit, dass jemand mich in irgendetwas einschränken könnte, wird Grund zur Auflehnung. Man arbeitet, was man will, wohnt, wo man will, schläft, mit wem man will und wann man will, bekommt nur die Kinder, die man will, mit wem man will, wechselt den Partner, so oft man will, und stirbt, wann man will. Sogar Gegebenheiten, die die eigene Person betreffen, werden nicht akzeptiert. Begrenzungen überwindet man mit Extremsportarten. Man hat sogar das Geschlecht, das man will, und glaubt an die Wahrheit, die man sich wünscht. Der Blick ist dabei nur vordergründig auf die vermeintliche persönliche Freiheit gerichtet; dahinter steht eine Panik vor jeder Art von Beschränkung.
Diese Panik ist dabei selbst eine der größten Einschränkungen, denen die Menschen bei uns heute unterworfen sind. Wie viele Menschen verpassen die Chance auf eine glückliche Ehe, weil sie sich nicht zu einer Entscheidung durchringen können? Wie viele Menschen haben innerlich keine Heimat, weil sie fest davon überzeugt sind, jede Verwurzelung sei in Wahrheit Unfreiheit? Wie viele Menschen laufen denen begeistert hinterher, die verkünden, es käme ausschließlich auf das unabhängige Individuum an? Glück liegt in individueller Unabhängigkeit – alles andere ist unerträglich. Unsere Gesellschaft erkauft sich so ihre Unabhängigkeit durch selbst verordnete Beziehungsunfähigkeit.
Diese emotionale Blase wird platzen (und sie platzt bereits) und eine große Zahl einsamer und unglücklicher Menschen zurück lassen, die verzweifelt so tun, als hätten sie aufs richtige Pferd gesetzt.
Aus dieser Logik der Beziehungsunfähigkeit heraus ist das Inzestverbot überholt, ist es grundlos und freiheitsberaubend. Aus dieser Logik heraus hat Ströbele Recht.

Kommentare:

  1. Zitat: Diese emotionale Blase wird platzen (und sie platzt bereits) und eine große Zahl einsamer und unglücklicher Menschen zurück lassen, die verzweifelt so tun, als hätten sie aufs richtige Pferd gesetzt./Zitat

    Erkenntnis? Es gibt keine Doktrin die garantiert, dass Menschen glücklich werden. Das Glück der Menschen ist eine so individuelle Angelegenheit, dass man schlicht und einfach nicht sagen kann, wenn man so und so lebt, dann wird man mit Sicherheit glücklich. Man kann den Menschen nur die Möglichkeiten lassen, ihr Glück zu suchen und zu finden und ihnen dann viel Glück beim finden wünschen. Manche finden es innerhalb bestimmter Grenzen, manche ausserhalb dieser Grenzen. Manche Staaten haben erkannt, dass man Geschwisterliebe nicht mehr per Gesetz tabuisieren muss, andere sind -noch nicht- so weit.

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  2. Das ist ein Irrtum.
    Glück besteht eben nicht in purer Individualität. Gott hat den Menschen nicht als orientierungsloses Wesen erschaffen, sondern auf ein Ziel hin - die Gemeinschaft untereinander und mit ihm selbst. In ihm liegt auch das Glück. Die Idee, das Glück sei irgendwo und von jedem woanders zu finden, ist der Versuch, eine Tugend aus der Not zu schneidern, dass man seinen Weg nicht mehr sieht.
    Wenn im Beitrag von einer Differenzierung zwischen unterschiedlichen Arten der Beziehung gesprochen wird, bringt es nicht viel, wieder zu pauschalisieren. Es ist eben nicht von einer Tabuisierung der Geschwisterliebe die Rede, sondern von der Erkenntnis, dass Geschwisterliebe etwas anderes ist.
    Bedauernswerte Menschen, die eine fehlende Möglichkeit zum Sex mit verbotener Liebe gleichsetzen - das muss eine große innere Armut sein.
    Die Vielfalt des Glücks im Spektrum Gottes ist ungleich größer als die vermeintliche Vielfalt in der Individualität.

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  3. Immer mehr Leute haben offensichtlich Schwierigkeiten damit, daß es Axiome gibt (eine Tatsache, die Mathematiker und Physiker ganz ruhig schlafen läßt, aber einige Philosophen nicht).
    Menschenleben ist unbedingt schützenswert, man darf nicht morden. Das ist immerhin von den meisten Leuten anerkannt (Giubilini, Singer, Breivik et al. mal ausgenommen).
    Inzest ist falsch, man darf nicht mit nahen Verwandten Geschlechtsverkehr haben. Das ist ebenfalls von den meisten Leuten anerkannt, und es ist genau so wenig beweisbar wie das grundsätzliche Recht auf Leben.
    Man kann alles relativieren, aber dann kann man nichts mehr verteidigen, nicht einmal eigene Recht, von seinem eigenen Geld eine Kugel Eis zu kaufen - denn auch das ist nicht mit mathematischer Sicherheit nachweisbar.

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