Freitag, Juli 08, 2016

Ja ja, nein nein.

Nein heißt nein. Eine erstaunliche Erkenntnis, die jetzt sogar ins Gesetz soll. Da sage noch einer, wir seien kein Volk von Denkern mehr.
Die wichtige Sache, um die es dabei geht, ist der Sex. Eine Sache, bei deren Durchführung es allerdings weniger ums Denken an sich geht. Offensichtlich sind wir auch ein Volk von – nun ja, lassen wir das.
Der Anlass zu dieser geradezu philosophischen Herangehensweise an den Sexualtrieb, ein im wahrsten Sinne des Wortes drängendes Thema, ist das gehäufte Vorkommen von Fällen, in denen die Grenze zwischen Beischlaf und Vergewaltigung oder die zwischen Flirt und Nötigung zu verschwimmen beginnt oder massiv durchbrochen wird. Es sind schlimme Dinge, die da geschehen! Zurück bleiben Verletzungen, die es zu vermeiden gilt. Und die Gesellschaft, die sich mit Händen und Füssen dagegen wehrt, dass ihr irgendjemand ins Sexualleben hineinredet, sucht plötzlich nach gesetzlichen Regelungen. Wie soll das zusammengehen?
Man kann erst einmal durchaus eine Logik erkennen: ein großer Freiraum braucht eine starke Grenze, die die Freiheit schützt, indem sie die Unfreiwilligkeit aufs Schärfste sanktioniert: alles ist erlaubt, außer Zwang. Die Folge: da man, so ist es Konsens, nicht vorschreiben will, wer mit wem darf, wird eben geregelt, wer hinterher für was bestraft wird. Klingt komisch? Ist es auch, denn dies ist eine Logik, die nicht greift. Angesichts von Vergewaltigungen führt die gute deutsche Gesellschaft abstruse Diskussionen darüber, wie das verhindernde Nein denn formell auszusehen hat. Sagen? Wehren? Reicht ein Gesichtsausdruck? Oder gar ein ungutes Gefühl danach? Nur in den seltensten Fällen produzieren Gerichte etwas Sinnvolles, wenn sie nachträglich entscheiden sollen, was im Rausch der Sinne legitim war. Es ist absurd. Wie soll man in einem Rechtsstaat, in dem der Beklagte im Zweifelsfall freigesprochen wird, etwas verurteilen, für das es nur die Aussagen der Betroffenen gibt? Unser Rechtsverständnis bedeutet hier schlicht Pech für die Opfer, die keinen Beweis vorlegen können. Doch das kann es ja wohl nicht sein. Die ganze Diskussion geht offenbar am Ziel vorbei.

Vor Jahrzehnten befreite sich unsere Gesellschaft aus der sexuellen Bevormundung. Ihr Argument: man dürfe Liebe nicht verbieten. Doch diese gegenseitige Liebe ist längst nicht mehr Grundlage für Sexualität; schon bald wurde sie reduziert auf das Einverständnis der Partner zum sexuellen Vergnügen. Erlaubt war in den Augen der Gesellschaft, was beiden Spaß macht. Wozu lieben? Der/die hat doch sein/ihr Vergnügen, das reicht. Doch was macht dem Partner Spaß? Was ist erlaubt? Offenbar alles, wozu er/sie nicht nein sagt. Das ist zu wenig? Nun, genau darum scheint es aber zu gehen, denn genau das versuchen wir verzweifelt zu regeln: wie sagt man nein?
Dem Sexualtrieb, einem wilden Gaul, der ohnehin oft kaum zu reiten ist, wurden die Zügel abgenommen: zügellose Sexualität. Doch was als Befreiung empfunden wurde, ging nach hinten los. Der Gaul tritt um sich und die Gesellschaft findet sich auf seinem Rücken wieder, im Rodeo. Und so treibt die selbstbezogene Leidenschaft im Bett und anderswo ihre traurigen Blüten.

Noch diskutieren wir darüber, wie man einem ausschlagenden Gaul mit einem entschiedenen Nein gegenübertritt. Noch spricht kaum einer aus, was auf der Hand liegt: Man redet beim Sex vom Nein, aber nicht vom Ja. Die einzig richtige Regel wäre: nur ein ausdrückliches Ja darf die Grundlage sein. Doch damit tut man sich schwer: wie soll man das regeln? Mit einem kleinen Standardvertrag, in dem man vorher kurz gemeinsam die einvernehmlichen Praktiken, Techniken und Hilfsmittel ankreuzt? Mit einer Art Sex-AGB? Und wie dokumentiert man die Einhaltung der Vereinbarung?
Man kann es drehen und wenden, wie man möchte: beim Sex begibt man sich in einen Lebensbereich, der gesetzlich nicht zu fassen ist. In dem die einzige Sicherheit, die man hat, das Vertrauen den Partner/die Partnerin ist. Das Wohl des anderen muss dem eigenen Vergnügen mindestens ebenbürtig sein - eine Haltung, die zwischen Menschen, die sich lieben, selbstverständlich ist. Das Ja muss die Grundlage sein, damit es unnötig wird, ein Nein rechtlich durchzusetzen.
Jeder sexuelle Verstoß gegen das Wohl des Partners ist ein Vergehen, jeder gewaltsame Verstoß ein Verbrechen, sei es körperliche oder seelische Gewalt. Selbstverständlich muss es Sanktionen geben, doch in vielen Fällen wird ein Opfer nicht zu seinem Recht kommen – weder die direkten Opfer von Gewalt, noch die Opfer falscher Aussagen. Ein gesetzlicher Schutz, so wichtig er ist, wird niemals ausreichen.
Deshalb ist die Gesellschaft dringend gefragt, den Gaul wieder einzufangen: ein zügelloser Sexualtrieb, der überall und in jeder Form als auslebenswert hofiert und gepriesen wird, hat mit sexueller Freiheit so viel zu tun, wie Fressucht und Übergewicht mit gesunder Ernährung. Es ist erschütternd, dass die Gesellschaft zunehmende Nötigungen und Vergewaltigungen braucht, um anhand der verursachten Verletzungen langsam den Wert und die Tiefe der Sexualität wieder zu entdecken. Und doch ist es ein kleines Hoffnungszeichen.

Für diejenigen, die nicht warten können, bis die nötige Vertrauensbasis da ist, empfiehlt sich mittelfristig, beim One-Night-Stand für eine ausreichende Anzahl von Zeugen zu sorgen und zur Dokumentation wenigstens eine Tonaufnahme mitlaufen zu lassen. So ist man auf der rechtssicheren Seite. Alle anderen sollten überlegen, ob es vielleicht irgendwo eine Orientierung gibt, in der Sexualität, Verbindlichkeit, Liebe und Vertrauen zusammengehören und man mehr auf den Partner schaut, als auf sich selbst.

Mittwoch, Juni 29, 2016

Wieder hochgeholt

Irgendwie war uns danach, diesen Beitrag wieder einmal hoch zu holen.
Nicht ganz aktuell, aber er passt in die Stimmung der derzeitigen Diskussionen.

Es ist soweit: Herder gerät in Seenot. Nachdem der Prozess gegen Tolkiens Verlage wegen Namensrechtsverletzung („Herder Ringe“) verloren ging, sucht man verzweifelt per Umfrage nach einem erweiterten Kundenkreis. Dabei beschreitet man neue Wege: die Kompetenz der Macher dieser Umfrage wurde durch die Ankündigung eines „Dankeschöns“ ersetzt, das man sich sichern kann, indem man seine Emailadresse hinterlässt. Kaufen statt überzeugen – ein völlig neuer Missionsaspekt! Wie man auf diese Weise für die Kirche arbeiten kann, ist mir unklar. Ich finde das weder kirchentreu noch kritisch, sondern nur zum Kotzen. Oder, theologisch ausgedrückt: hier handelt es sich weder um eine Hermeneutik der Kontinuität, noch eine des Bruches, sondern um eine des Erbrechens.

Da man aber bekanntlich niemanden ausgrenzen soll, hier unsere Antwortvorschläge:

1. Brennen die Anliegen, die die Pfarrer-Initiative in Österreich vorbringt, vielen Gläubigen auf den Nägeln?
Mag sein. Interessanter ist die Frage, ob Nagelbrand dazu berechtigt, Bischöfen Feuer unterm Hintern zu machen.

2. Schaden die vielfältigen Forderungen nach Reformen bei uns der Einheit der Weltkirche?
Ja. Zugleich gefährden sie den Frieden, killen das Klima, schaffen Arbeitslosigkeit und Elend und stürzen Gott in Selbstzweifel. Soviel Selbstbewusstsein muss sein.

3. Gibt es zur Zusammenlegung von Gemeinden aufgrund des Priestermangels heute Alternativen?
Selbstverständlich: mehr Weihen vornehmen. Auf ähnliche Weise könnte man auch den Mangel an Landärzten, Statikern, Fluglotsen und OP-Schwestern beheben. Einfach ernennen.

4. Muss die Kirche vor Ort bleiben?
Natürlich! Nur wer vor Ort ist, kann von dort vertrieben werden. Ohne Kirche vor Ort würden ganze Zeitungen (Donaukurier) Konkurs gehen!

5. Schadet es der Liturgie, wenn Priester viele Gottesdienste an einem Wochenende feiern müssen?
Also wenn ich sehe, wie so manche Liturgie abläuft, meine ich, die können gar nicht genug üben!

6. Sind Wortgottesdienste mit Kommunionempfang am Sonntag eine Alternative zur Eucharistiefeier, wenn kein Priester zur Verfügung steht?
Sind Hochzeitstorten eine Alternative zur Hochzeitsfeier?

7. Sollte die so genannte Laienpredigt auch offiziell möglich sein?
Das würde ihnen den Charme des Aufmüpfigen nehmen. Zudem würde im Siegestaumel der predigenden Laien sofort die Frage laut, warum Hunde ausgeschlossen sind. Dasselbe Gekläff, doch mit was für treuen Augen!

8. Können neue Zugangswege zum Weiheamt die Probleme der katholischen Kirche lösen?
Die Mitarbeiter des neu zu gründenden Weiheamtes prüfen wohlwollend alle Anträge auf Weihe. Die Zugangswege sollten natürlich barrierefrei sein. Frauenparkplätze wären wünschenswert.

9. Sollten wiederverheiratete Geschiedene offiziell zum Kommunionempfang zugelassen werden können?
Der einmal im Jahr im Weiheamt stattfindende Große Kommunionempfang sollte jedermann offen stehen. Mit dem Erlös der Eintrittskarten und der Tombola wird das Hostienbäckereimuseum saniert.

10. Braucht es neue Gottesdienstformen, um auch jüngere Milieus anzusprechen?
Die Frage kann so nicht beantwortet werden, da es zum einen eigentlich keine Gottesdienstform mehr gibt, die noch nicht ausprobiert wurde (siehe auch Frage 5) und zum anderen in den entsprechenden Milieus noch die Abstimmung mit den Luftballons läuft.

11. Müssen die Gläubigen in der katholischen Kirche auf allen Ebenen besser an Entscheidungen beteiligt werden?
Eigentlich nicht. Die offizielle Einführung sogenannter Laiendogmen würde reichen, wenn diese mit der nötigen Autorität und Frauenpower durchgesetzt würden.

Freitag, Juni 24, 2016

Der Brexit ist da.

Der Brexit ist da, und was passiert?
Hofreiter fordert im Fernsehen mehr Demokratie und mehr Geld für Krisenländer. Beatrix von Storch hat „vor Freude geweint“ (widerlich!). Merkel muss weg oder endlich richtig ran, die Linken fordern mehr links, die Konservativen mehr Konservativismus – eben jeder mehr von dem, was er immer schon wollte. Jetzt erst recht.
So bleiben alle in ihren Strukturen kleben. Jeder sieht sich bestätigt. Jeder sagt, Europa müsse zusammenrücken, und meint damit, die anderen müssten näher zu ihm rücken. Niemand hat den Schuss gehört, denn jeder ist überzeugt, dass nur die anderen ihn hören mussten.

Jetzt gehen sie also raus, die Briten. Ab sofort läuft ein großer Teil der Abstimmungen ohne sie. Was wird passieren?
Keiner weiß es, doch eines fällt auf: Dass nämlich nahezu ausschließlich vom Geld und von der Wirtschaft die Rede ist, wenn über die Folgen gesprochen wird. Das Geld steht an erster Stelle. Und weil Europa von seiner Einheit lebt, Deutschland allen voran, wird man es den Briten richtig schwer machen. Man wird dafür sorgen, dass sie es spüren bis an den Rand des Tragbaren, und dass sie es schnell spüren, denn was sollte besseren Schutz vor weiteren Abspaltungen bieten, als diese eine, wenn sie wirtschaftlich misslingt?
Die Loslösung Englands vom restlichen Europa wird tiefer, als man jetzt glaubt. England kann dabei viel größere Probleme bekommen, als geplant, bis hin zu Spaltungstendenzen.
Wirtschaftlich dürfte das daneben gehen, sozial dürfte es ebenfalls sehr schwer werden für das Vereinigte Königreich. Es wird vielen Menschen dort materiell schlechter gehen.
Also ein Fehlschuss?

Ein klarer Fehlschuss, ja, wenn man das als Maßstab nimmt. Doch ist das der Maßstab? Es ist eines der größten Probleme Europas: dass die Vision eines friedlichen und geeinten Kontinents durch die Vision eines reichen Kontinents ersetzt wurde und die Vision von Menschlichkeit durch die Vision von Bürgerlichkeit. Die Aufbauphase eines zerstörten Europas ist im Suchen nach Wohlstand versickert. Übrig bleibt eine trübe Pfütze von „Gib mir genug Geld und ansonsten meine Ruhe“.
Europa ist im politischen Kleinkrieg nicht mehr visionsfähig. Ohne gemeinsame Vision brechen Nationalismen auf. Nicht, weil plötzlich alle braun denken, sondern weil sie schwarzsehen. Europa ist ein steiniger Weg. Wozu sollte man ihn gehen, wenn man kein Ziel hat? Ohne Licht am Ende des Tunnels in Form eines gemeinsamen Ziels jenseits des Wohlstands bleiben nur die Stolpersteine. Doch wozu ständig stolpern, wenn es nichts bringt? Den Krieg hat kaum einer noch erlebt, der Frieden als Vision hat nahezu ausgedient. Egal, wohin man schaut: jeder, der den Frieden beschwört, fordert zugleich harte Worte, klare Kanten, will etliches endlich einmal sagen dürfen und andere Tendenzen sanktionieren. Frieden nach den eigenen Vorstellungen. Und so bleibt als Vision nur die, Europa zu verlassen. Diese Vision trug in Großbritannien den Sieg davon.

Es wird sich zeigen, ob der Preis, den Britannien wird zahlen müssen, lohnt. Doch wenn Europa weiterhin agiert, wie es agiert, wenn es sich weiterhin weigert, die Herausforderungen der Zeit als Vision anzunehmen und kämpferisch anzugehen, wenn Europa sich weiterhin zersplittert, weil jeder besser weiß, wie man mit Geld umgeht, dann war es für die Briten vielleicht der unbequeme Entschluss, ins Rettungsboot zu springen. Dort ist es eng und unbequem und man hat wenig Vorräte. Aber man entkommt dem sinkenden Schiff.

Montag, Mai 30, 2016

Neues Gnadensuhler Interview

Vor einigen Tagen gab es ein neues Interview von Bischof Oesterhagen, Gnadensuhl, anlässlich der verbreiteten Papstkritik. (LINK)

Presse: Exzellenz – wir danken Ihnen für die Gelegenheit zu diesem Gespräch. Ich denke, ich darf Sie wieder Exzellenz nennen – die Fastenzeit ist vorbei.

Bischof Oesterhagen: Bitte nennen Sie mich einfach, wie Sie möchten. Soo wichtig ist das auch wieder nicht mit der Anrede. Clive Staples Lewis wollte Jack genannt werden, ich wollte aus irgendeinem Grund als Kind gerne Mr. Tom heißen. Später wollte ich König sein, mit einem ellenlangen Titel, oder sogar Kaiser. Ich fand das erstrebenswert, besonders wegen der vornehmen Anrede, durch die alle vernehmen könnten, was ich doch wichtig bin. Beckenbauer hat sich diesen Traum erfüllt, aber mit dem wollte ich nicht tauschen. Exzellenz, Herr Bischof, Herr Oesterhagen, Boss – alles ist in Ordnung.

Presse: Äh… gut. Meine erste Frage: Herr Bischof, was halten Sie vom Auftreten des Papstes?

Bischof Oesterhagen: Der Papst… Ach ja. Heidi Klum ist nichts dagegen!

Presse: Wie bitte?!

Bischof Oesterhagen: Haben Sie das denn niemals im Fernsehen angeschaut? Na ja, ich auch nur durch Zufall. Beim Suchen im Teletext nach einer präzisen Wettervorhersage für die letzte Fronleichnamsprozession wollte ich ein weiteres Wettermodell anschauen (sehr interessant!), bin aber bei „Next Model“ gelandet. Hat bei mir ein Donnerwetter ausgelöst und in meiner nächsten Predigt einen Sturm. Aber was wollte ich sagen?
Ach ja, der Papst. In dieser Show ging es darum, junge Mädchen genau zu beobachten und unter die Lupe zu nehmen. Jede Muskelzuckung wurde da zur Schicksalsfrage. Das schlimmste, was denen passieren konnte, war, irgendwelche Erwartungen nicht zu erfüllen. Merken Sie nicht, dass mit dem Papst genauso umgegangen wird, nur noch schlimmer? Der kann doch keine noch so kleine Regung zeigen, ohne dass jemand darin eine Aussage sieht, die über Tod und Leben entscheidet.

Presse: Sie meinen, das Problem ist, dass der Papst die Erwartungen nicht erfüllt?

Bischof Oesterhagen: Wieso? Wozu sollte er das? Und die Erwartungen von wem sollte er erfüllen? Nein. Das Problem ist, dass die Menschen vor lauter Erwartungen nicht mehr hören, was der Heilige Geist der Kirche sagt. Weil sie gedanklich nur noch darum kreisen, wo sie Unterschiede zu ihrer eigenen Meinung finden, oder Bestätigungen dafür. Der Papst ist dann wahlweise nicht mehr richtig katholisch oder die Zustimmung zu dem, was man im Katholizismus schon immer anders haben wollte. In jedem Fall haben sich die Menschen selbst zur letzten Instanz gemacht. Stellen Sie sich ein Schaf vor, das erwartet, dass der Hirte ihm folgt. Und davon ganz viele, die das untereinander ausdiskutieren. Das gibt eine Menge Geblöke, aber keine neuen Weideplätze.

Presse: Aber - entschuldigen Sie diesen Einwand - machen Sie es sich damit nicht sehr einfach? Was viele Katholiken umtreibt, sind wirkliche Einwände. Über die Jahrhunderte hat sich viel ergeben, das gläubig begründet und fundiert regelt, was katholisch und wahr ist. Sollte nicht der Heilige Vater dafür der Garant sein, statt es einfach zu übergehen?

Bischof Oesterhagen: Ach ja, geregelt. Am liebsten würde ich vielen Menschen erst einmal verbieten, sich an irgendwelche Regeln zu halten, seien sie katholisch oder nicht.

Presse: Sie möchten den Katechismus abschaffen?

Bischof Oesterhagen: Nein, ich möchte Ihnen einen schenken. Moment – hier habe ich einen für Sie. Ich schreibe nur eben eine Widmung hinein. Hier, bitte.

Presse: (liest) „Gewidmet: der Liebe. Tu dies, um Gott zu erfreuen, oder lasse es und suche zuerst die Liebe!“ Interessant!

Bischof Oesterhagen: Nein, nicht interessant, sondern essentiell! Wann haben Sie das letzte mal etwas getan, das keinerlei Sinn ergibt, außer Jesus zu erfreuen? Wann haben Sie das letzte mal etwas getan, einfach um Gott eine Freude zu machen? Ihrer Frau bringen Sie Blumen mit, und Gott geht leer aus? Wann hat der, der Sie am meisten liebt, zuletzt ein kleines Geschenk von ihnen bekommen?

Presse: Sie sprechen, als sei es Gott, der Seelsorge brauche. Als brauche er unsere Liebe und nicht wir seine.

Bischof Oesterhagen: Nein. Es ist nur so: am meisten Liebe können wir von dem annehmen, den wir selbst intensiv lieben. Und dazu gehört nun einmal liebevolles Verhalten. Ihre Frau wird Ihnen das jederzeit bestätigen.

Presse: Aber wie soll das funktionieren? Wie soll ich GOTT eine kleine Freude machen? Ich wüsste nicht, was ich da tun sollte!

Bischof Oesterhagen: Sehen Sie – genau das ist der Punkt. Überlegen Sie mal. Wer könnte Ihnen da einen Tipp geben? Ich sage es Ihnen: der Heilige Vater. Über nichts Anderes spricht oder schreibt er: wo finden wir Gott und wie können wir Ihn lieben? Schauen Sie doch einfach einmal auf Ihr eigenes Leben. Sie bringen doch Ihrer Frau keine Blumen mit, weil Sie Angst haben, Sie bekämen sonst nichts zum Abendbrot. Und Sie stimmen mit mir überein, dass Sie dringend eine Eheberatung bräuchten, wenn es um Ihre Beziehung so bestellt wäre. Doch bei Gott glauben Sie, die Liebeserklärung durch Regelungen ersetzen zu können. Nein, erst kommt die Liebe. Immer. Und wenn Sie dann merken, dass Sie Gott lieben wollen, aber nicht gut genug lieben, weil Sie Ihn nicht kennen, dann lesen Sie das Buch, in dem steht, was er mag: den Katechismus. Aber bitte erst dann. Der dient genau dazu: das Band zwischen Ihnen und Gott immer fester zu machen. Versuchen Sie nicht, sich abzusichern! In der Liebe gibt es keine Sicherheit, außer dem Vertrauen.

Presse: Es gibt bei Gott keine Sicherheit?

Bischof Oesterhagen: Nein, nicht die geringste. Wenn Sie sich vollständig in die Hände eines anderen begeben, gibt es keine Sicherheit, außer der Liebe dessen, dem diese Hände gehören. Schauen Sie aufs Kreuz und überlegen Sie, ob diese Liebe vertrauenswürdig ist. Und wenn ja: vertrauen Sie. Sagen Sie Ihm, dass Sie Ihm vertrauen. Und dann, ganz banal: seien Sie nett zu ihm. Die Anleitung dazu steht, wie gesagt, im Katechismus.

Presse: Was möchten Sie also unseren Lesern mitgeben?

Bischof Oesterhagen: Nichts. Ich möchte Ihnen etwas mitgeben, denn Sie sind es, mit dem ich rede. Wenn sich ein Leser angesprochen fühlt – umso besser.

Presse: Was also möchten Sie mir mitgeben?

Bischof Oesterhagen: Den Auftrag, niemals wieder an Gott zu denken, ohne dass die Liebe im Zentrum steht.

Presse: Wie Sie es beschreiben Herr Bischof, habe ich wohl recht oft gegen die Liebe gefehlt. Ich will es versuchen.

Bischof Oesterhagen: Sehen Sie, da sind wir wieder bei der Anrede. Hier wäre ein „Alles klar, Boss!“ noch einen Ticken besser gewesen. Bleiben Sie bitte noch kurz hier und machen Sie das Mikrophon aus. Sie haben da etwas sehr wichtiges erkannt. Haben Sie da noch mehr auf dem Herzen? Für das Bekenntnis Ihrer Schuld würde ich Ihnen gern noch die Absolution erteilen. Was das ist, wissen Sie ja aus dem Katechismus. Wirklich – ein tolles Buch! Richtig gelesen sehr empfehlenswert!

Presse: Danke, Herr Bischof, für dieses Interview!

Donnerstag, April 28, 2016

Feindbild und Diskurs

Die Menge der Konfliktthemen wird immer unüberschaubarer. Die Anzahl der unterschiedlichen Lager kennt keiner mehr. Den Durchblick hat auch niemand mehr.
Viele Personen geben sich aufgeklärt und tragen durchaus interessante Analysen vor, legen ihre Finger in Wunden und fordern Lösungen, die logisch klingen. Je nach eigener Überzeugung findet man natürlich einige dieser Ansätze überzeugend, andere hingegen lehnt man ab, als dumm bis gefährlich. Jeder sieht es anders. Doch gleich welcher Meinung die Menschen sind, haben alle eines gemeinsam: die Überzeugung, dass die Lösung genau in ihrer besonderen Sicht der Dinge liegt.
Eigentlich klingt das für eine Demokratie noch nicht nach einer Krise, sondern nach Diskussionsbedarf. Doch wirkliche Diskussionen gibt es immer weniger, und das ist schlimm. Denn die Stimmung ist gekippt: Irrtum soll nicht mehr aufgeklärt werden, sondern ausgerottet, durch Rücktrittsforderungen, Verbote oder schlimmeres.

Das Problem ist ein Doppeltes: zum einen wird erheblich mehr Energie darauf verwendet, andere Meinungen zu falsifizieren, als die eigene Position argumentativ zu vertreten, was ein demokratisches Ringen massiv erschwert. Daraus resultiert das zweite: die Konzentration auf die eigene Verteidigung (anstatt auf positive Argumentation) schafft eine subjektive Bedrohungslage, in der nicht mehr das andere Denken zum Ziel wird, sondern der Andersdenkende. Und so sind wir längst an dem Punkt angekommen, in dem das Bekämpfen von Menschen moralisch geboten erscheint.
AfD-Wähler sind zu Bekämpfende, Politiker und Parteien sind es und Demonstranten (für jeden natürlich andere), der Papst ist es oder eben seine Gegner. Letztlich jeder. Nicht mehr die Qualität einer Aussage zählt, sondern die Person, die sie macht. Und da es jedem halbwegs intelligenten Menschen problemlos möglich ist, Dinge im gewollten Licht zu sehen, verstärkt jeder Versuch eines ehrlichen Disputs nur die Feindbilder. Der einzige Ausweg, der Dialog, erscheint so nur noch als Schwächung: die Wahrheit stellt man nicht zur Disposition; das wäre ihre Relativierung. Denn diskutiert man auf Augenhöhe, kann nur ein Kompromiss herauskommen. Die Zukunft jedoch erscheint schauerlich, wäre sie ein Kompromiss aus der Summe aller herrschenden abstrusen Meinungen. Das scheidet aus, schon aus Gewissensgründen: der Dialog wird verweigert, weil genau das moralisch geboten erscheint; seine Befürworter werden als dumm und blauäugig angesehen.

Faktisch jedoch ist der Dialog der einzige Weg, Wahrheit zu verbreiten, denn es ist der einzige Platz, in dem nicht nur gesprochen, sondern auch zugehört wird. Nur wo zugehört wird, kann überzeugt werden – der Dialog ist die einzige Alternative zum Zwang. Wer ihn aus Angst vor dem Kompromiss verweigert, sagt letztlich, dass er der eigenen Position so wenig Überzeugungskraft zutraut, dass sie untergehen wird, wenn sie nicht aufgezwungen wird. Wer den Dialog verweigert, predigt Gewalt.
Wir müssen zurück zum offenen Diskurs, damit das Versinken in Feindbildern aufhört, das ständige Drehen um den eigenen Standpunkt, in dem sich erkannte Wahrheit und persönliche Vorlieben vermischen. Wir müssen dringend aufhören, in Feindbildern zu denken! Denn wer in Feinden denkt, landet im Krieg.

Donnerstag, April 21, 2016

Mal anders gesehen

Im Internet kursiert der Link zu einem Bericht, der große Zustimmung findet: Nicht lustig – Diskriminierung von Christen. Anhand von teils wirklich heftigen Beispielen wird aufgezeigt, wie es gesellschaftlicher Konsens geworden ist, Satire kritisch zu hinterfragen, wenn sie zur Verunglimpfung wird, nur bei einer Zielgruppe nicht: den Christen. Der Schreiber kommt zu dem Schluss, dass es angebracht sei, sich dagegen zu wehren.
Ich habe den Artikel gelesen und finde, er geht mit großer Präzision genau am Ziel vorbei.

Grundsätzlich ist mir als Christ erst einmal nicht klar, warum Christen genauso behandelt werden sollten, wie andere Menschen. Eine Gesellschaft, der die eigenen Grundlagen unter den Füßen wegbrechen, spürt genau, wo die wirklichen Provokationen liegen. Und die liegen nicht dort, wo einem Menschen etwas heilig ist, sondern dort, wo etwas heilig ist. Nicht dort, wo Menschen etwas für wahr halten und verteidigen, sondern dort, wo etwas wahr ist. Allem kann man irgendwo zähneknirschend zustimmen, wenn man nur dabei derselbe bleiben kann. Wenn aber Gott ruft, kann man das nicht. Und die Gesellschaft reagiert mit Abwehr und haut drauf…

„Wir Christen dürfen gesellschaftlichen Respekt erwarten und einfordern – wie alle anderen auch.“ So heißt es im letzten Abschnitt. Dürfen wir das? Es ist uns vorhergesagt, von Christus selbst: Ihr werdet abgelehnt um meinetwillen. Wenn es aber um Seinetwillen ist, wird es nicht um unser willen aufhören. Unbequem, fürwahr, und oft schlimm, aber Tatsache. Ginge es um uns, hätten wir die gleichen Rechte: jedem das Seine – das ist erlaubt. Nur gehört unser Glaube nicht uns, sondern wir sind Gottes Eigentum. Er hat uns mit Seinem Blut erkauft, damit wir Ihn, die Wahrheit, verkünden. Er hat nicht sein Blut vergossen, damit wir sagen, wir wollten sein wie alle anderen.
Die Dunkelheit wehrt sich gegen das Licht. Das Licht wird niemals gleichberechtigter Bestandteil einer allgemeinen Dämmerung sein. Das ist die Gnade, die unsere Freude sein soll, nicht die Ungerechtigkeit, die wir beklagen sollen.
Anderenfalls empfehle ich, die Apostelgeschichte gerechtigkeitskonform zu lesen:
Sie … riefen die Apostel herein und ließen sie auspeitschen; dann verboten sie ihnen, im Namen Jesu zu predigen, und ließen sie frei. Sie aber gingen weg vom Hohen Rat und freuten sich, dass sie gewürdigt worden waren, für seinen Namen Schmach zu erleiden und murrten: immer auf die Christen! Wir wollen behandelt werden, wie die Römer auch! Kein Mensch würde sich das bei Römern trauen!

Montag, April 18, 2016

Amoris laetitia

Ich habe angefangen, den Text zu lesen.
Jeden Abend schaffe ich ca. 5-7 Seiten.
Ich werde Kapitel 8 erst lesen, wenn ich dort angekommen bin.
Zwischenstand: ein einfach wunderschöner Text, der mich glücklich macht.